Die Geschichte des Milchhäusles in Unterweissach

Das Milchhäusle in Unterweissach ist ein Relikt aus einer anderen Zeit. Seine Geschichte reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Bis 1970 konnten die Bauern dort ihre Rohmilch abgeben. Heute dient es als Treffpunkt und Proberaum für Vereine.

Willy Fritz und Karl-Heinz Häusser können noch einiges zur Geschichte des Milchhäusles erzählen. Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Willy Fritz und Karl-Heinz Häusser können noch einiges zur Geschichte des Milchhäusles erzählen. Fotos: Alexander Becher

Von Armin Fechter

Weissach im Tal. Ziemlich unscheinbar, um nicht zu sagen: schlicht und bescheiden steht das kleine Gebäude am Unterweissacher Kirchberg dem schmucken Rathausensemble und der stattlichen St.-Agatha-Kirche gegenüber. Eine Gaube teilt das prunklose Bauwerk asymmetrisch, „Milchhäusle“ steht daran geschrieben. Hinter einer großen Glasscheibe sind Plakate zweier örtlicher Vereine zur Schau gestellt. Auf einer Tür ist sogar „Radlerstube“ zu lesen – all das Indizien, dass das einfache Haus wechselnde Zeiten gesehen hat.

Willy Fritz, der frühere Gemeindekämmerer, erinnert sich daran, wie das Milchhäusle noch, seinem Namen gemäß, als Sammelstelle für Milch diente. Der 71-Jährige, der sich heute im Heimatverein Weissacher Tal engagiert, hatte 1966 als Lehrling im Rathaus angefangen. Damals lieferten die Unterweissacher Bauern täglich die Milch ihrer Kühe im Milchhäusle ab.

Der 74-jährige Karl-Heinz Häusser, ebenfalls ein Mitstreiter aus dem Heimatverein, hatte sogar selbst von Kindesbeinen an unmittelbar damit zu tun. Sein Großvater betrieb in der Brüdener Straße neben einer Schreinerei eine kleine Landwirtschaft. Der Bub wohnte zwar in seinen ersten Lebensjahren mit den Eltern in Allmersbach im Tal, brachte aber viel Zeit bei den Großeltern zu. Als er neun Jahre war, siedelte die Familie schließlich nach Unterweissach um.

Die Bauern hatten sich in einer Genossenschaft zusammengeschlossen

Schon früh half er bei verschiedenen Arbeiten mit. Eine wichtige Aufgabe bestand für ihn darin, immer abends die Milch, die die einzige Kuh der Großeltern gab, zum Milchhäusle zu bringen. Die Rosl war freilich keine Hochleistungskuh, wie sie heute in den Ställen zu finden sind, sondern eine multifunktionale Betriebshelferin, die beispielsweise auch den Pflug ziehen musste. Folglich gab sie nicht 25 oder gar 28 Liter pro Tag wie ihre hochgezüchteten Artgenossinnen heute, sondern siebeneinhalb bis acht. Aber die damit erlösten Groschen bedeuteten, wie Häusser unterstreicht, eine wichtige Einnahmequelle für die kleinen Bauern, von denen es im Dorf etliche gab.

Deshalb war es ein arges Missgeschick, was ihm einmal im Winter passierte: Auf dem Weg Richtung Sammelstation übersah er eine glatte Stelle, die Milchkanne kippte um, ein weißer Strom ergoss sich über den Weg. Nur einen halben Liter konnte der Junge letztlich noch zum Abwiegen bringen. Mit einem flauen Gefühl erwartete er deshalb die Abrechnung, die wie immer zum Monatsende kam. Aber die Großmutter sah zum Glück großzügig über den einmaligen Ausrutscher hinweg.

Die Bauern gründeten eine Genossenschaft

Für den Betrieb der Sammelstation hatten sich die Bauern in einer Genossenschaft zusammengeschlossen. Eine bedeutende Rolle spielte in dem Verbund Wilhelm Stark, dessen berufliche Laufbahn spannende Wendungen nahm: Nachdem der gelernte Wagner eine Zeit lang als Dreher bei Kaelble in Backnang gearbeitet hatte, begann er, sich den genossenschaftlichen Einrichtungen im Ort zu widmen – bis hin zu seiner Vorstandstätigkeit in der Raiffeisenbank. „Er war ein Glücksfall“, zollt Häusser dem langjährigen Akteur, der vor einigen Jahren gestorben ist, seinen Respekt.

Die Anfänge des Milchhäusles reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Als ältesten Beleg hat der Weissacher Bauamtsleiter Markus Stadelmann in den Akten einen vom Oberamt Backnang genehmigten Lageplan aus dem Jahr 1894 gefunden. Darin ist an der Stelle, wo sich das Gebäude bis heute findet, ein „Neubau“ verzeichnet. Dieser wurde auf einem größeren gemeindeeigenen Grundstück errichtet, in Nachbarschaft zu einem Areal, das der „Schulgemeinde“ gehörte. In der Tat befand sich, wie Karl-Heinz Häusser erzählt, das einstige Schulhaus ein Stück oberhalb. In einer weiteren Akte ist eine Zeichnung erhalten, die das ursprüngliche Gebäude mit der Dachgaube zeigt. 1957 wurden ein Verkaufsraum seitlich an- und eine Kühlanlage eingebaut – dies sicherlich, wie Willy Fritz erläutert, aufgrund der Hygienebestimmungen. Die Position der alten Gaube blieb dabei unverändert – und das erklärt nun auch, warum diese nicht mittig auf dem Dach sitzt, sondern ein Stück seitlich, asymmetrisch.

Das Milchhäusle steht gegenüber dem Rathaus in Unterweissach.

© Alexander Becher

Das Milchhäusle steht gegenüber dem Rathaus in Unterweissach.

Mit dem Anbau verbesserte sich die Lebensmittelversorgung der Bürgerschaft spürbar. Denn in dem kleinen Ladengeschäft gab es nun eine ganze Palette von Molkereiprodukten zu kaufen. 20 Jahre lang, von 1958 bis 1978, funktionierte dieses Angebot, dann wurde es eingestellt. Schon vorher, ab 1970, wurde keine Rohmilch mehr abgegeben.

Als Sammelstelle diente das Milchhäusle nach Angaben der Gemeinde, die dort die Station 15 ihres kulturhistorischen Rundgangs hat, nicht nur für die Bauern aus Unterweissach, sondern auch für die Landwirte von den Dresselhöfen. Die Milchmenge konnte sich sehen lassen: In den 1960er-Jahren waren es täglich etwa 1500 Liter. Ein Teil davon wurde an die Bevölkerung verkauft, das Übrige ging ans Milchwerk nach Backnang. Zudem wurde vor Ort ein Teil der Milch auch entrahmt, um Butter herzustellen; die Magermilch bekamen Bauern zur Schweinemast.

Heute wird die Milch am Hof gekühlt

Die Milcherzeugung unterlag allerdings ebenso wie andere Agrarzweige dem Wandel. Gab es 1949 noch 89 Milchviehhalter in Unterweissach und den Dresselhöfen, so sank die Zahl auf 18 im Jahr 1967 und danach noch weiter auf drei im Jahr 2007. In diesem Zuge wurde das Milchhäusle als Sammelstelle überflüssig, heute wird die Milch direkt beim Erzeugerhof gekühlt und in regelmäßigen Abständen von einem Tankwagen abgeholt.

Das Milchhäusle hat inzwischen eine neue Funktion: Die Gemeinde hat es den örtlichen Vereinen – namentlich dem Radsportverein Unterweissach und dem Liederkranz Unterweissach – für Versammlungen und Chorproben zur Verfügung gestellt. Aus diesem Anlass war 1986 ein weiterer Umbau nötig: Sanitärräume wurden eingebaut. Modernisiert wurde aber auch die Heizung: Enthielt das Gebäude 1957 noch einen Heizraum samt Kohlenraum, so verfügt es inzwischen über eine Gastherme.

Heute stellt das Milchhäusle ein Relikt aus einer Zeit dar, als der Ort von der Landwirtschaft geprägt war und, wie Häusser mit einem Schmunzeln anfügt, „vor den Häusern Misthaufen waren“.

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Erstellt:
26. November 2022, 16:30 Uhr

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