„Exorbitante Erhöhungen“ bei der Pflege

Bei den Heimentgelten steigt der Eigenanteil der Bewohner teilweise um mehrere Hundert Euro im Monat an

Höhere Personalkosten, Veränderungen durch die Landesheimbauverordnung, steigende Preise für Sach- und Lebensmittel – Gründe für eine Erhöhung der Heimentgelte gibt es aus Sicht der Pflegeeinrichtungen genügend. Das führt dazu, dass Bewohner und deren Angehörige zum Teil mehrere Hundert Euro im Monat mehr berappen müssen.

Für eine gute Pflege im Alter müssen Betroffene oft tief in die eigene Tasche greifen. Foto: Adobe Stock/Kzenon

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Für eine gute Pflege im Alter müssen Betroffene oft tief in die eigene Tasche greifen. Foto: Adobe Stock/Kzenon

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Bis zu 460 Euro mehr im Monat hat das Seniorenhaus Lautertal in den Verhandlungen um die Erhöhung des Heimentgelts gefordert, pro Bewohner wohlgemerkt. Nun wird der geforderte Satz nicht in voller Höhe bewilligt. Dennoch: Die schlussendlich vereinbarten Mehrkosten tragen die Bewohner und zum Teil auch deren Angehörige (siehe Infobox). Einer von ihnen ist Koray Günerli, dessen Mutter im Seniorenhaus Lautertal untergebracht ist. Die 80-Jährige ist mit Pflegegrad 3 eingestuft, bisher beträgt der monatliche Eigenanteil 1720 Euro. Nun soll er sich – so die Forderung – auf 2182 Euro erhöhen. Wie viel es wirklich wird, weiß er noch nicht. Dass aber das ganze Ersparte seiner Mutter für die Unterbringung im Pflegeheim draufgehen soll, ist für Günerli ein Unding. Im vergangenen Jahr hat er erst deshalb das Heim gewechselt. Er bemängelt nun vor allem die fehlende Kommunikation vonseiten des Trägers. Denn wofür so viel mehr Geld nötig wird, sei für die Betroffenen nicht ersichtlich. „Es hat keinen Umbau gegeben, es wurde nicht mehr Personal eingestellt“, sagt Günerli. Vonseiten des Seniorenheims war keine Stellungnahme zu bekommen.

Vor allem ein hoher Personalschlüssel ist teuer

Dass die Entgelterhöhungen in Pflegeeinrichtungen immer wieder Anlass zur Debatte geben, ist auch den Betreibern klar. „Das System Altenhilfe, Pflege, Versorgung sowie demografischer Wandel ist seit Jahren problematisch und dies ist bekannt“, merkt Gaby Schröder, Geschäftsführerin des Alexander-Stifts der Diakonie Stetten, an. Sie habe Verständnis für den Unmut der Bewohner und ihrer Angehörigen, so Schröder, an der Situation könne sie aber wenig ändern. Denn: Als gemeinnütziges Unternehmen darf das Alexander-Stift keine Gewinne erwirtschaften. „Die Preiserhöhungen decken die prognostizierten Kosten, also die Ist-Kosten zuzüglich der erwarteten Zusatzkosten“, erklärt sie. Lediglich eine kleine Umsatzrendite werde benötigt, um Rücklagen für Unvorhergesehenes, Instandhaltungen und innovative Ideen zu bilden. „Diese ist im Alexander-Stift unter einem Prozent“, merkt Schröder an. In einer Einrichtung des Alexander-Stifts in Weissach betragen die Entgelterhöhungen in diesem Jahr dennoch bis zu 288 Euro. Und das betrifft nur den Eigenanteil der Bewohner.

Wo also kommen die Kosten her? Den größten Teil, da sind sich alle Betreiber einig, machen Personalkosten aus. Thomas Gengenbach, Vorsitzender des Vereins Haus Elim, erklärt: „Schöpft ein Träger alle Zusatz-Personalschlüssel und zum Beispiel die Freistellung der Pflegedienstleitung aus, führt das zu Kostensteigerungen.“ Das Haus Elim sei im Kreis die teuerste Einrichtung. „Bei uns sind alle Beschäftigten angestellt, wir setzen den höchsten Personalschlüssel an und ich stehe absolut dazu, dass die Mitarbeiter nach dem Tarif bezahlt werden.“ Im vergangenen Jahr standen auch beim Haus Elim die Verhandlungen der Entgelte an, diese werden jeweils für zwei Jahre beschlossen. 334 Euro hat die Erhöhung 2018 pro Bewohner betragen.

Dabei spiele aber auch die zusätzliche Belastung durch die neue Landesheimbauverordnung eine Rolle. Damit einher ging nämlich eine Reduzierung der Heimplätze von 89 auf 65. Das bedeutet, dass die gleichen Gebäude- und Bewirtschaftungskosten auf weniger Bewohner umgelegt werden. Hinzu kommen noch Kosten in Höhe von etwa 1,8 Millionen Euro für die Umbauarbeiten in Leutenbach. „Auch das muss refinanziert werden“, erklärt Gengenbach. Das führe mancherorts zu den „exorbitanten Erhöhungen“. Die Folgen für die Bewohner sind auch ihm klar: „Mir tut es leid, wenn ich sehe, wie den Senioren das angesparte Geld durch die Finger rinnt.“

Auch in der Stiftung Altenheime Backnang und Wildberg, zu der die Häuser Staigacker und Johannes-Brenz-Haus sowie die Pflegestifte Bürgerheim und Am Langenbach gehören, wird nach Tarif bezahlt, sagt Sabine Laible, die stellvertretende Geschäftsführerin. Ein normaler Tarifabschluss bedeute eine Steigerung der Lohnkosten um etwa 2,5 bis 5 Prozent. „Das macht keine 200 Euro aus“, sagt sie. Im vergangenen Jahr habe die Kostensteigerung im Staigacker 3,5 Prozent betragen, das entspreche 63 Euro im Monat. Allerdings, das hebt Laible hervor, habe es auch keine Veränderungen im Personalschlüssel gegeben. „Eine Verbesserung kann auch der Grund für steigende Kosten sein“, sagt sie. Zudem seien Preissteigerung bei Lebensmitteln, Heizöl oder Ähnlichem ein weitere Faktor, den es zu beachten gibt.

„Wenn etwas Besonderes ansteht, schreiben wir das unseren Bewohnern und ihren Bevollmächtigten schon im Vorfeld“, erklärt Laible. So können die sich darauf vorbereiten, wenn größere Entgelterhöhungen anstehen. Das kann, wie bei Koray Günerli, dazu führen, dass die Betroffenen angesichts der geforderten Entgelterhöhungen aus allen Wolken fallen. Und werden nicht alle prognostizierten Kosten bewilligt, fallen die Forderungen im darauffolgenden Jahr entsprechend höher aus, erklärt Gaby Schröder. Dass die beschlossenen Erhöhungen immer nur bei den Bewohnern zu Mehrkosten führen, nicht aber bei den Pflegekassen, basiert auf einem System, „das aus unserer Sicht dringend geändert werden muss, um die Pflegebedürftigen beim Eigenanteil zu entlasten“, findet sie. Auch Gengenbach prangert dies an: „Fast alle Verbesserungen in der Pflege, die die Politik beschließt, gehen zulasten des Eigenanteils.“ Er spricht sich deshalb für eine Pflegereform an, in Folge derer für den Eigenanteil ein fixer Sockelbetrag festgelegt wird und die darüber hinaus anstehenden Kosten von der Versicherung getragen werden. „Wie bei jeder Autoversicherung auch.“

Info
Pflegekassen verhandeln mit, zahlen aber nicht mehr

Wer verhandelt die Entgelte? Neben den Verantwortlichen der Pflegeeinrichtungen sitzen Vertreter der Pflegekassen, des Landkreises als Träger der Sozialhilfe und des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg.

Wer zahlt bei Erhöhungen mehr?Beschlossen wird in den Verhandlungen das Heimentgelt, welches wiederum in den Anteil der Pflegeversicherung und den Eigenanteil aufgeteilt wird. Der Leistungsbeitrag der Pflegekassen bleibt jedoch von einer Erhöhung unberührt, weshalb alle Mehrkosten zulasten der Bewohner oder des Sozialhilfeträgers gehen.

Zahlen alle den gleichen Betrag? Nein. Unterschieden wird nach Pflegegrad, dieser beschreibt die individuelle Hilfsbedürftigkeit einer Person. Je höher diese ist, desto teurer das Heimentgelt allgemein. Allerdings steigt dann auch der Beitrag der Pflegekassen, weshalb der Eigenanteil bei schweren Beeinträchtigungen für gewöhnlich geringer ist.

Was passiert, wenn der Bewohner den Beitrag nicht zahlen kann? Wer seinen Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln bestreiten kann, hat Anspruch auf Sozialhilfe. Dafür gibt es aber strenge Vorgaben. Beispielsweise darf der Antragsteller kein Vermögen von mehr als 5000 Euro besitzen. Auch sind Kinder für ihre Eltern entfernt unterhaltspflichtig.

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Erstellt:
1. August 2019, 06:00 Uhr

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