Flüchtlingsinitiativen in Backnang und Umgebung: Mehr Geflüchtete, weniger Helfer
In der Flüchtlingskrise 2015 haben sich in vielen Orten ehrenamtliche Initiativen und Asylkreise gebildet. Angesichts der wieder stark steigenden Flüchtlingszahlen haben wir nachgefragt, welche davon noch immer aktiv sind.

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Begegnungscafé für Geflüchtete im katholischen Gemeindezentrum in Allmersbach im Tal. Der 2015 gegründete Asylkreis besteht zwar noch immer, die Zahl der ehrenamtlichen Helfer hat sich aber von 30 auf etwa zehn reduziert. Foto: Tobias Sellmaier
Von unserer Redaktion
Backnang In Backnang gibt es mehrere ehrenamtliche Initiativen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Bereits seit mehr als 20 Jahren existiert der Arbeitskreis Asyl. Die Gruppe organisiert einen offenen Lerntreff im Gemeindehaus der Johanneskirche. Dort bekommen Geflüchtete Unterstützung beim Deutschlernen, aber auch bei Problemen im Alltag. Mit gerade mal sieben aktiven Frauen ist der Helferkreis allerdings klein. Neue Mitstreiterinnen zu finden, sei schwierig, berichtet Maria Neideck. Etwa zehn Personen engagieren sich im „Treff 18“, den die evangelische Kirche und die Liebenzeller Gemeinschaft 2015 ins Leben gerufen haben. Laut Initiator Rainer Hönig kommen dazu jeden Mittwoch etwa 30 Geflüchtete ins Gemeindehaus Heininger Weg. Daneben betreuen er und seine Frau auch Asylbewerber bei Arztbesuchen und Behördengängen. Sehr aktiv in der Flüchtlingsarbeit ist auch der Verein Zukunftswerkstatt Rückenwind, der sich mit Unterstützung ehrenamtlicher Helfer vor allem um Familien mit Kindern kümmert. Geflüchtete aus der Ukraine nutzten die Angebote bislang allerdings kaum, berichtet Sandra Amofah, Referentin für Integration und Flucht bei der Stadt Backnang. Die ehrenamtlichen Initiativen sind darüber aber nicht unglücklich: „Mehr könnten wir personell sowieso nicht leisten“, sagt Rainer Hönig.
Murrhardt Zurzeit gibt es in der Walterichstadt keine größere Gruppe, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, sondern vieles läuft auf der Ebene privater Kontakte oder über die Initiative Einzelner. Das war 2015/16 bei der Ankunft der Menschen aus Syrien, Afghanistan und weiteren Ländern noch anders. Damals bildete sich eine große Interessensgruppe, der Arbeitskreis Asyl, dem damals Pfarrer Achim Bellmann vorstand. „Da gab es relativ viele Menschen, die Ankommende unterstützt und in der ersten Welle einen guten Job gemacht haben“, sagt er. Ein fester Kreis, etwa in Vereinsstruktur, sei daraus aber nicht entstanden, nach einer gewissen Zeit hätten für die Helfer auch wieder andere Lebensthemen angestanden. Nun, nach der Ankunft ukrainischer Flüchtlinge, gab es einzelne Initiativen von Murrhardterinnen und Murrhardtern, die eine private Verbindung zum Land haben oder selbst von dort stammen. Hardy Wieland, ebenfalls früher im Arbeitskreis Asyl engagiert, hat den Eindruck, dass sich die Ukrainerinnen und Ukrainer gut organisieren können und die kulturelle Nähe und ihr Bildungsniveau – viele sprechen Englisch – ihnen helfen, sich zurechtzufinden. Angesichts der Tatsache, dass bis Jahresende noch ungefähr 200 Flüchtlinge in die Stadt kommen, möchte Bürgermeister Armin Mößner demnächst zu einem Gespräch mit den ehemals Engagierten einladen, um künftige Möglichkeiten zu sondieren.
In Aspach werden unter anderem kostenlose Deutschkurse angeboten
Aspach Zu Beginn der Flüchtlingskrise 2015 hatte die damals neu gegründete Initiative Awia (Asylbewerber willkommen in Aspach) bis zu 80 ehrenamtliche Helfer. Ihre Zahl war seitdem stark rückläufig, wie die Awia-Sprecherin Natascha Hosseini darlegt. Für die wöchentliche Sprechstunde seien drei Personen im Einsatz, etwa fünf Aspacherinnen und Aspacher helfen als Verbindungsleute an Schulen sowie wenn Möbeltransporte oder Ähnliches anstehen. Unter anderem werden von ihnen auch kostenlose Deutschkurse angeboten. Hinzu kommen drei ehrenamtliche Dolmetscher, die aber, so Hosseini, völlig überlastet sind. Denn betreut werden aktuell etwa 40 geflüchtete Menschen aus der Ukraine (überwiegend Frauen, viele von ihnen mit Kindern), zudem ist die Containerunterkunft des Landkreises in der Marbacher Straße voll belegt. „Die Ressourcen gehen zu Ende“, erklärt Hosseini – sowohl personell als auch finanziell. Denn die Spendengelder, mit denen die Awia ihre Angebote finanziert, seien weitgehend aufgebraucht. „Aber wir können die Menschen ja nicht im Stich lassen, deswegen geben wir trotzdem nicht auf“, sagt Hosseini.
Weissach im Tal Seit der Pandemie gibt es in Weissach im Tal keine klassischen Flüchtlingsinitiativen mehr. Die ehrenamtliche Hilfe werde derzeit über das Integrationsmanagement des Rathauses organisiert, erklärt Jennifer Reinert. „Zuallererst arbeiten wir derzeit eng mit einer russisch-ukrainischen Übersetzerin zusammen. Außerdem gibt es vier ehrenamtliche Sprachhelferinnen, die Anfangskurse geben, und sechs jugendliche Nachhilfelehrerinnen und -lehrer, die Kinder schulisch unterstützen“, teilt die Leiterin des Sachgebiets Integration mit. Auch bei offiziellen Terminen, etwa in der Schule oder bei der Bank, unterstützen die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfer. Darüber hinaus kümmern sich zwischen zwei und vier Ehrenamtliche um die Familien, die bereits seit der Flüchtlingskrise 2015/2016 in Weissach leben.
Insgesamt leben derzeit etwa 200 Schutzsuchende in der Tälesgemeinde. Doch obwohl der Zuzug Geflüchteter im Vergleich zu den Jahren 2015/2016 höher ist, habe sich die Zahl der Helfer halbiert, berichtet Reinert. „ 2015/2016 hatten wir 30 bis 40 aktive Flüchtlingshelfer, die Bereitschaft zu helfen war damals sehr groß. Derzeit ist es leider genau umgekehrt“, sagt sie. Die Geflüchteten seien viel auf sich selbst gestellt. Bei der Bezahlung der Ehrenamtlichen sei die Gemeinde auf Spendengelder angewiesen. Weiterhin in der Flüchtlingshilfe aktiv ist der 2015 gegründete Verein „Weissach Klimaschutz konkret“. Er sollte eine Anlaufstelle für Menschen mit Fluchterfahrung darstellen, die Unterstützung im Alltag bietet. Eine Versorgung mit Kleidung, Möbeln, Alltagsgegenständen, Unterstützung bei Anträgen wie auch schnelle finanzielle Unterstützungen für Fahrausweise et cetera werden bis heute geleistet.
150 Geflüchtete werden derzeit in Auenwald betreut
Auenwald Es engagieren sich zwischen sechs und zehn ehrenamtliche Helfer des Arbeitskreises Integration Auenwald. Diese betreuen rund 150 geflüchtete Menschen, davon etwa 70 Menschen aus der Ukraine. „Leider ist die Zahl der Helferinnen und Helfer rückläufig gegenüber der Flüchtlingskrise 2015/16“, beklagt Bürgermeister Kai-Uwe Ernst. Die Ressourcen würden bei Weitem nicht ausreichen. „Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung durch den AK Integration, insbesondere Frau Raitzig bringt sich hier ganz wunderbar ein“, sagt der Bürgermeister.
Sulzbach an der Murr In der Flüchtlingsarbeit engagieren sich derzeit acht Personen, momentan werden 62 Flüchtlinge betreut. Über das Gemeindeprojekt „Zukunft für uns“ (bestehend seit 1992) werden über weitere ehrenamtliche Helfer Angebote vor Ort organisiert. Dazu gehören etwa Hausaufgabenhilfen und Sprachkurse. Weitere konkrete Planungen für die Zukunft bestehen derzeit nicht. Die Anzahl der Helfer ist seit 2015 ungefähr gleich geblieben. Es ist aber damit zu rechnen, dass ehrenamtliche Kräfte altershalber aufhören werden. Um den Flüchtlingen umfassend zu helfen, reichen die Ressourcen nicht aus. Die Gemeinde beschäftigt über das Projekt „Zukunft für uns“ eine Mitarbeiterin. Ansonsten wird das Angebot vollständig von ehrenamtlichen Kräften aufrechterhalten.
Allmersbach im Tal Der Asylkreis in Allmersbach im Tal hatte 2015/16 zirka 80 Helfer auf der Liste, der „harte Kern“ umfasste rund 30 Bürger. Noch gibt es Patenschaften, die mehr oder weniger aktiv sind. Die Zahl der aktiven Ehrenamtlichen beträgt momentan zirka zehn, wobei fast die Hälfte erst im Zuge der Ukrainekrise dazukam. Die Zahl der Geflüchteten, die betreut werden, kann nicht exakt beziffert werden, denn die Mitarbeiter des Asylkreises werden nach Bedarf und Anfragen tätig. In der Gemeinschaftsunterkunft in der Industriestraße wohnen derzeit 42 Menschen, dort ist der Asylkreis nur vereinzelt aktiv. In der Anschlussunterkunft gibt es zwölf Geflüchtete. Seit Mai 2022 existiert die Gemeinschaftsunterkunft des Kreises im einstigen „Löwen“ in Heutensbach, auch dort gibt es vereinzelt Kontakte zwischen den bis zu 80 möglichen Bewohnern und Asylkreismitgliedern. 2022 gab es zwei Begegnungsnachmittage für alle, auch Fahrradreparaturen werden nach Bedarf ausgeführt. Der Asylkreis setzt eigene Mittel für die Unterstützung bei Passbeschaffungen oder den Kauf von Büchern für den ehrenamtlichen Sprachunterricht ein.
Die Gemeinde Oppenweiler koordiniert den Arbeitskreis Asyl
Oppenweiler Etwa acht Ehrenamtliche engagieren sich in Oppenweiler im Arbeitskreis Asyl mit dem Ziel, Flüchtlinge gut zu integrieren und sie bei der Alltagsbewältigung zu unterstützen. Seit einiger Zeit koordiniert die Gemeindeverwaltung den Arbeitskreis. Mitwirkende sind unter anderem das Deutsche Rote Kreuz, die Kirchengemeinden und eben die ehrenamtlichen Helfer, ohne die eine Integration nicht möglich wäre, heißt es aus dem Rathaus. Die Helfer des AK Asyl übersetzen und geben Deutschkurse, sie helfen beim Ausfüllen von Formularen und begleiten zu Arztbesuchen sowie beim Kauf von Möbeln und Kleidung.
Althütte Aktuell gibt es etwas über 50 Geflüchtete in Althütte, die nicht aus der Ukraine kommen, teilweise schon seit 2015. Sie stammen aus Nigeria, Eritrea, Afghanistan, Sri Lanka, Indien, Pakistan, Gambia, China, Syrien und dem Irak. Aus der Ukraine kommen knapp 100 Geflüchtete, davon 25 bis 28 im Naturfreundehaus Sechselberg. Neben der hauptamtlichen Betreuung durch die Gemeinde und das Integrationsmanagement durch das DRK sind rund 15 ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger in der Organisation „Offener Kreis Asyl Gemeinde Althütte“ im Einsatz. Sie begleiten Geflüchtete beim Gang zu Behörden und Krankenkassen, aber auch zu Arbeitgebern, Ärzten, Kindergärten und Schulen. Zudem gibt es Sprachunterricht fast jede Woche regelmäßig montags und donnerstags in der Festhalle Althütte sowie eine umfangreiche individuelle Unterstützung bei allen täglich anfallenden Fragen und Problemen. „Die kontinuierliche ehrenamtliche Betreuung zehrt an den Kräften und junge engagierte neue Unterstützerinnen und Unterstützer sind schwer zu finden. Auch die finanzielle Unterstützung von ehrenamtlichen Strukturen ist sehr, sehr schwierig“, sagt Sven Semet vom DRK-Ortsverein Althütte.
Kirchberg an der Murr 2015 und in den folgenden Jahren hatte Kirchberg an der Murr einen sehr engagierten Asylkreis, der die Flüchtlinge in Kirchberg in vielen Bereichen, beispielsweise durch Deutschkurse, Hausaufgabenbetreuung, Fahrdienste und vieles mehr, unterstützt hat. Durch die rückläufigen Flüchtlingszahlen, die geänderte Wohnsituation und die Coronapandemie hat sich die Flüchtlingsarbeit stark gewandelt. Manche Ehrenamtlichen sind dazu übergegangen, einzelne Familien individuell zu unterstützen, und tun dies heute noch. In der Flüchtlingskrise 2022 wurden nun sehr viele Ukrainerinnen und Ukrainer von Privatpersonen in Kirchberg aufgenommen, die sich ebenfalls mit viel Engagement um diese kümmern. In der gemeindlichen Anschlussunterbringung ist aufgrund der geringen sogenannten Abnahmeverpflichtung der Gemeinde derzeit die Unterstützung der Geflüchteten durch einen Integrationsbeauftragten ausreichend.
Die aktuelle Situation sei nicht mit der Flüchtlingskrise von 2015 zu vergleichen, sagt Großerlachs Bürgermeister
Burgstetten In Burgstetten gibt es zwei Initiativen für die Flüchtlingshilfe. Der Arbeitskreis Asyl besteht bereits seit einigen Jahren, ist derzeit aber nicht aktiv. „Wir haben schon eine Weile keine Zuweisungen mehr gehabt“, sagt Bürgermeisterin Irmtraud Wiedersatz. Anders sieht das bei ukrainischen Geflüchteten aus. Um ihnen zu helfen, habe sich ein loser Kreis gebildet, der über die Gemeinde organisiert wird. Über den Freundeskreis Ukraine könne eine Unterkunft gefunden, ein Fahrrad aufgetrieben oder auch für eine bessere Internetverbindung gesorgt werden – eine Plattform, falls die geflüchteten Ukrainer Hilfe benötigen. Einmal habe die Gemeinde alle engagierten Bürger eingeladen, die geflüchtete Ukrainer bei sich unterbringen.
Großerlach In Großerlach gab es weder 2015 noch jetzt eine offizielle Flüchtlingsinitiative. 2015 allerdings lief viel ehrenamtliche Arbeit über die bestehenden Vereine, berichtet Bürgermeister Christoph Jäger. Die aktuelle Situation sei mit der Flüchtlingsbewegung 2015 allerdings nicht zu vergleichen. Damals kamen Menschen ohne jegliche private Anbindung und mussten zunächst gesammelt untergebracht werden. „Hier war Hilfe dringend nötig und wurde von ehrenamtlich engagierten Menschen geleistet“, berichtet Jäger. Bei den Flüchtenden aus der Ukraine stelle sich die Situation nun anders dar. „Es konnten alle Flüchtenden aus der Ukraine in privaten oder angemieteten Unterkünften untergebracht werden. Einige davon auch über bestehende private oder familiäre Verbindungen, weshalb auch die Unterstützung und Hilfe vollständig auf privater Schiene läuft.“
Spiegelberg Im Ort hat es weder 2015/16 noch in der aktuellen Flüchtlingskrise eine explizite Initiative gegeben, die sich ehrenamtlich der Geflüchteten annimmt. Die 16 derzeit in Spiegelberg untergebrachten Geflüchteten werden teilweise über ihre Angehörigen, also im familiären Umfeld, und teilweise über Mitarbeiter des Rathauses betreut. Letztere sind vor allem mit der Betreuung und Unterstützung bei Antragstellungen behilflich. Hinsichtlich der Manpower im Rathaus, die für die Betreuung der Geflüchteten aufgebracht wird, sei die Belastungsgrenze bereits jetzt überschritten, so Bürgermeister Uwe Bossert. Was an Angeboten im Ort für die Geflüchteten vorhanden ist, wird momentan über die Gemeindeverwaltung finanziert.