Was Backnangs Neubürger bei einem Rundgang durch die Stadt erfahren
Viele Neubürger, die in den letzten zwölf Monaten nach Backnang gezogen sind, sind der Einladung der Stadtverwaltung gefolgt. Bei einem Rundgang durch die Innenstadt haben sie viel Wissenswertes über ihre neue Heimat gelernt.

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Baudezernent Stefan Setzer erklärte, wie sich die Stadt an der Murr über die Jahre verändert hat. Foto: Alexander Becher
Von Annette Hohnerlein
Backnang. Miriam und Kai Wang schieben den Buggy mit ihrem Sohn Jona bergauf zum Stiftshof. Die junge Familie ist im vergangenen Jahr aus Stuttgart nach Heiningen gezogen; die drei wollten raus aus der Großstadt. Und sie haben ihren Entschluss nicht bereut, sie fühlen sich wohl in Backnang. Um ihre neue Heimat besser kennenzulernen, sind die Wangs mit dabei beim Stadtspaziergang für Neubürger. „Ich freue mich, dass trotz des regnerischen Wetters so viele da sind“, begrüßte Backnangs Oberbürgermeister Maximilian Friedrich die stattliche Anzahl an Neubürgern, die sich am Rathaus versammelt hatte. Paare, Einzelpersonen und einige Familien mit Kindern, ausgerüstet mit Schirmen und Regenjacken, stärkten sich zunächst mit einem heimischen Apfel, bevor sie in zwei Gruppen zu ihrem Rundgang durch die Innenstadt aufbrachen. Geführt wurden sie von OB Friedrich, dem Ersten Bürgermeister Siegfried Janocha, Baudezernent Stefan Setzer und Stadtarchivar Bernhard Trefz. Aufgrund der andauernden Pandemie und der aktuellen Energiekrise wurde auch in diesem Jahr auf den Neubürgerempfang im Bürgerhaus verzichtet.
Erinnerung an einen unwirtlichen Ort
An der Treppe beim Gebäude der Backnanger Kreiszeitung kündigte Stefan Setzer ein Projekt an, das die Stadt in den kommenden Jahren in Angriff nehmen will: Anstelle des maroden gesperrten Holzstegs über die Murr soll eine großzügige Brücke die Altstadt direkt mit der Bleichwiese verbinden. „Ein sehr unwirtlicher Ort“ sei die Bleichwiese früher gewesen, die Murr ein stinkender Abwasserkanal. Beim Umbau 2011 habe man dort ein schönes Gelände geschaffen, an dem der Fluss für die Menschen erlebbar sei. Gleichzeitig sei mit der Murrpromenade eine Art Hochwasserdamm geschaffen worden; eine von mehreren Maßnahmen, die verhindern sollen, dass es erneut zu einem katastrophalen Hochwasser wie 2011 kommt: „Da ist die Stadt innerhalb kürzester Zeit abgesoffen.“
Auf dem Dach des 200 Meter langen Schweizerbaus, der an die Bleichwiese angrenzt, sollen in den kommenden zwei Jahren eine Reihe von Wohnungen entstehen, so Setzer. Weitere rund 400 Wohneinheiten entstünden gerade auf der Oberen Walke entlang der Gartenstraße. Die Gebäude der ehemaligen Lederfabriken, die bis vor einigen Jahren dort standen, seien durch Schwermetalle vergiftet und nicht mehr zu retten gewesen. Backnang war seit dem Mittelalter die süddeutsche Gerberstadt, erzählt Bernhard Trefz: „Noch in den 1970er-Jahren hat die Stadt furchtbar gestunken.“ Die Bleichwiese habe ihren Namen bekommen, weil hier in früheren Jahrhunderten die Gerber und Weber ihre Erzeugnisse zum Bleichen ausgelegt hätten.
Im Stiftshof hat alles angefangen
Dann ein Ortswechsel: Nächste Station ist der Stiftshof. Oben angekommen, zeigt Trefz in die Runde: „Hier hat alles angefangen“, sagt er und wirft ein paar Schlaglichter auf Backnangs Geschichte und die dazugehörenden Gebäude: die Stiftskirche, den Stadtturm, das Bandhaus, das Helferhaus und das heutige Amtsgericht. Dieses stattliche Bauwerk sei als Schloss für die herzoglichen Witwen konzipiert, aber nie vollendet worden. „Wenn der zweite Flügel gebaut worden wäre, dann würden die Japaner heute wohl auf einer Europareise auch Station in Backnang machen“, vermutet der Archivar schmunzelnd.
OB Friedrich empfängt die Gruppe anschließend vor dem historischen Rathaus, einem der ältesten Gebäude der Stadt, das nach dem verheerenden Stadtbrand 1693 wiederaufgebaut wurde. Mit sichtlichem Stolz zeigt er auf sein Amtszimmer im ersten Stock: „Seit 1710 haben dort die Backnanger Oberbürgermeister residiert.“ Er zählt die Theater und Galerien auf dem Ölberg auf; insbesondere die Galerie der Stadt Backnang mit ihren Ausstellungen renommierter Künstler sei weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Und ein weiteres Backnanger Alleinstellungsmerkmal legt Friedrich den Neubürgern ans Herz: das Straßenfest. Es sei das älteste Fest dieser Art im Land und durchaus vergleichbar mit dem Karneval im Rheinland. Auf die Frage eines Teilnehmers hin ging er auf die drei klatschenden Herren aus Bronze vor dem Rathaus ein. Diese Skulptur, die „Claqueure“, sei ein beliebtes Fotomotiv und tauche oft in den sozialen Medien auf.
Informationen über städtische Behörden
Beim anschließenden Gang durch die Fußgängerzone und über den Wochenmarkt lobte Siegfried Janocha das große Warenangebot in der Innenstadt: „Sie kriegen hier alles für den Wocheneinkauf.“ Er informierte auch über die Standorte der einzelnen städtischen Behörden, unter anderem im Biegel. Dieses Viertel entlang der Murr sei vor rund 25 Jahren auf der Fläche eines ehemaligen Gerberviertels entstanden. Neben dem Bürgeramt sind dort das Seniorenbüro und die Stadtbücherei untergebracht.
Zum Stadtspaziergang hatte sich eine größere Gruppe von Neu-Backnangern aus dem Wohngebiet Obere Ziegelei eingefunden, das auf dem ehemaligen Feucht-Areal entstanden ist. Offensichtlich verstehen sich die neuen Nachbarn schon prächtig untereinander, die Ausführungen der vier städtischen Mitarbeiter fanden sie „super interessant“. Taia Palamarchuk und ihre Tochter Mariia, die vor vier Monaten aus der Ukraine geflohen sind, haben zwar vieles nicht verstanden, was unterwegs gesagt wurde, erklären beide. Aber sie haben immerhin einen Eindruck von der Stadt bekommen, in der sie leben, bis sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Und die Brezeln, die am Ende des Rundgangs angeboten wurden, schmeckten auch ohne Sprachkenntnisse.