Früher Mode, heute Monteurin

Nach Abitur und BWL-Studium fand Lisa König aus Rudersberg im Handwerk ihre Berufung – Mit der Gesellenprüfung stehen viele Türen offen

Beim Bürojob fehlte ihr der Sinn, im Handwerk wurde Lisa König glücklich. Foto: G. Scheider

© Gaby Schneider

Beim Bürojob fehlte ihr der Sinn, im Handwerk wurde Lisa König glücklich. Foto: G. Scheider

Von Peter Schwarz

RUDERSBERG. Blond, zierlich, 1,57 Meter groß – sie kommt aus der Modebranche, heute ist sie Handwerkerin: Lisa König aus Rudersberg ist Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik und nebenbei die perfekte Handwerksbotschafterin. Nach dem Abi absolvierte sie ein duales Studium bei einem Mode-Unternehmen, machte ihren Bachelor in BWL, hatte viel mit Zahlen zu tun, lotete Optimierungspotenziale aus, gestaltete „Prozessabläufe lukrativer und effizienter“ – und so okay das war, „am Ende vom Tag bin ich manchmal heimgekommen und habe gedacht: Was habe ich heute getan? Von was an meiner Arbeit hat die Menschheit profitiert?“

Sicher, jeder braucht was zum Anziehen. Aber elegante Kleidung ist letztlich doch ein „Luxusgut in unserer Konsumgesellschaft“. Ihr habe, sagt Lisa König, „der tiefere Sinn gefehlt“. Warum nicht ins Handwerk gehen? „Warmwasser und Heizung brauchen die Leute immer. Man tut der Umwelt und den Mitmenschen was Gutes.“ Große Entscheidungen fälle sie „nicht aus dem Bauch raus. Wenn ich was mache, ist es wohlüberlegt. Ich wäge das ab über Tage, Wochen, Monate.“

Also los, Pro und Kontra. Einerseits: Ein schöner Gleitzeitbürojob in Sachen Mode – wenn sie sich die Zukunft vorstellte, konnte sie sich „für zwei, drei Jahre durchaus dort sehen“. Andererseits: Was wäre in fünf oder zehn? Und gesetzt, sie bliebe: Fände sie nach ein paar Jahren beruflicher Sicherheit und Routine noch den Mut, tatsächlich den Schritt ins Handwerk zu wagen? Einerseits: Sie wälzte „Zweifel, ob ich an dem Schritt nicht scheitern würde“. Andererseits: Um herauszufinden, was man kann, „muss man es erst mal machen“. Und außerdem: „Ich stehe auf Herausforderungen.“ Sie beschloss: „Es muss ein Cut her“ – ein Handwerk lernen, „von der Pike auf“.

Sie vereinbarte einen Probetag in der Ausbildungswerkstatt der Wilhelm Schetter Haustechnik GmbH in Stetten. Bis dahin war sie „technisch absolut desinteressiert“ gewesen. Physik? „Ein Graus“ im Gymnasium. „Ich war handwerklich genauso bewandert, wie man sich ’ne Frau mit einem dualen Studium in der Modebranche vorstellt.“ Am Abend vor dem Probetag „habe ich panisch auf meinen Vater eingeredet: Was ist überhaupt Löten?“ Er konnte es ihr so ungefähr erklären, „ein Lötkolben war ihm ein Begriff“, allerdings eher in der Theorie – praktisch „hat er zwei linke Hände“. So vorbereitet ging sie zu Schetter, „lötete hart, lötete weich – es hat auf Anhieb funktioniert.“

Schetter ist ein „fortschrittlicher Betrieb“. Zwar war sie die erste Handwerks-Azubine dort, eine Pionierin, aber sie sah sich „vom ersten Moment an von allen gut aufgenommen“, sogar von den „Altmonteuren“. Einer legte gar, wenn sie mal wieder mit einem anderen Team auf die Baustelle fuhr, Protest ein: „Wann kommt die Lisa mit mir mit? Wann krieg ich sie denn mal?“

In zwei Jahren schaffte Lisa König den Weg zur Gesellin, nun wird sie wohl den Arbeitsplatz wechseln. Sie will erst mal zu einem kleineren Betrieb, der gar nicht anders kann, als sie ins kalte Wasser zu schmeißen. Sie will raus aus der Wohlfühlzone, will nicht „die kleine Nette“ sein, die man nicht überlasten darf. „Ich brauche jetzt noch ein Jahr, in dem man mich machen lässt und auf eigene Füße stellt.“ So vieles ist möglich, die Zukunft steht weit offen.

Wer Abi hat, geht doch nicht ins Handwerk: So denken noch immer viele. Lisa König antwortet: Warum eigentlich nicht? Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, das ist ein „absolut lukratives Berufsfeld, super mit Abitur. Wenn man gut ist, wird man immer einen Job finden.“ Die Anforderungen sind komplex: Kesseltypen, Brennertypen, Hydraulik, innovative Technologien – und erneuerbare Energien.

Man muss mit Gasleitungen und Gefahrenstoffen umgehen, da „steht man vor allem als Meister immer mit einem Bein so halb im Gefängnis“, der Job verlange viel Achtung, Mitdenken und Verantwortung. Später will Lisa König an die Meister- oder Technikerschule gehen. Danach wäre sie als studierte Betriebswirtin „ausgestattet für jegliche Ideen, die noch so kommen“: Projektleiterin in einer Firma werden? Interessant. Sich selbstständig machen? „Auch das wäre – je nachdem, wie mutig ich dann noch bin – absolut ’ne Option.“

Info
Wahl zur Miss Handwerk

Germanys Power People heißt eine Initiative des Deutschen Handwerksblatts. Bei dem Online-Casting werden attraktive Handwerkerinnen und Handwerker gesucht, die sich und ihren Beruf vor der Kamera präsentieren wollen. Die schönsten Models werden für einen Kalender abgelichtet und haben die Chance, sich für die Wahl zu Miss oder Mister Handwerk zu qualifizieren.

Auch Lisa König aus Rudersberg stellt sich in diesem Jahr zur Wahl. Wer für Sie voten möchte, kann dies tun unter www.germanyspowerpeople.de/kandidat/lisa-koenig.

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Erstellt:
8. August 2019, 06:00 Uhr

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