Langzeitstillen – gesund oder merkwürdig?
Mit sieben noch an der Brust – „Milch fließt schon lange keine mehr“
Sowohl Kinder als auch Mütter profitieren davon gesundheitlich. Dennoch ist es gesellschaftlich nicht akzeptiert, dass Kinder lange Muttermilch bekommen.

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Muttermilch ist für Kinder gesund und bietet unter anderem einen wichtigen Schutz vor Infekten. Auch die Mütter profitieren.
Von Angela Stoll
Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz: Spätestens mit dem ersten Geburtstag des Kindes ist für die meisten Mütter endgültig Schluss mit Stillen. Aber warum eigentlich? Stephanie Franik stillte ihre beiden Kinder einfach immer weiter. Ihr zweites ist mittlerweile sieben Jahre alt und kommt immer noch an die Brust. „Milch fließt schon lange keine mehr, es geht da einfach um Nähe.“ Beim Zu-Bett-Gehen gefällt es der Tochter nämlich, einen Moment zu saugen und dabei Geborgenheit zu spüren. „Viel mehr Mütter als man glaubt stillen ihre Kinder mehrere Jahre lang“, sagt die Stillberaterin aus dem bayerischen Gaimersheim. „Sie zeigen das nur nicht in der Öffentlichkeit.“ Wer das tut, muss nämlich mit komischen Blicken und kritischen Fragen rechnen.
Langzeitstillen: Frauen, die größere Kinder stillen, müssen sich vieles anhören
Langzeitstillen gilt in unserer Gesellschaft als etwas Merkwürdiges. „Frauen, die es praktizieren, müssen sich vieles anhören“, sagt auch die Hebamme Birgit Eckl aus Ingolstadt, die seit 20 Jahren eine Stillgruppe leitet. „Über die Mütter werden Dinge gesagt wie: Die hält das Kind klein, die kann sich nicht lösen.“ Manche Zeitgenossen fänden es auch geradezu „pervers“, wenn ein dreijähriger Junge an der Brust trinkt. Sie sagt: „Das wird unterschwellig mit Sexualität in Verbindung gebracht.“
Dass Sexualität beim Stillen seitens der Mutter oder des Kindes eine Rolle spielen könnte, streitet die US-Anthropologin Kathy Dettwyler ab. Überhaupt würden nur in wenigen Kulturen der Welt, die meisten davon im Westen, Brüste sexualisiert. Diese „Besessenheit“ sei eigentlich ziemlich seltsam, schreibt sie in ihrem Aufsatz „Full-term Breastfeeding“, der im „AIMS Journal“ veröffentlicht wurde. „Man findet sie weder bei anderen Säugetieren noch in den meisten anderen Kulturen der Welt“, heißt es darin.
Dazu passt, dass Mütter in vielen Ländern der Welt länger stillen, als das in westlichen Industrienationen üblich ist. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO wurden 2021 etwa 44 Prozent aller Kinder weltweit mindestens zwei Jahre lang gestillt. Aus anthropologischer Sicht ist es Experten zufolge auch sinnvoll, mehrere Jahre zu stillen. „Unsere nächsten Verwandten, die Primaten, leben zwar deutlich kürzer als wir, dennoch werden die Jungen länger als zwei Jahre gestillt“, sagt die Ärztin Elien Rouw, Mitglied der Nationalen Stillkommission.
Das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, sinkt bei stillenden Müttern
Dass Muttermilch gesund ist, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Sie ist optimal auf das Nährstoffbedürfnis des Kindes abgestimmt und bietet unter anderem einen wichtigen Schutz vor Infekten. Auch für die Mutter hat Stillen einige Vorteile, unter anderem sinkt das Risiko für bestimmte Krebsarten. Wenig bekannt ist aber, dass sich manche der positiven Effekte durch eine längere Stillzeit steigern lassen. So sinke das Brustkrebsrisiko umso stärker, je länger eine Frau stillt, bestätigt Renée Turzanski Fortner, Epidemiologin beim Deutschen Krebsforschungszentrum. Bei Eierstockkrebs gibt es ihr zufolge einen ähnlichen Zusammenhang, allerdings seien hier die Daten nicht ganz so eindeutig. Abgesehen davon ist belegt, dass sich der Stoffwechsel der Mutter durch langes Stillen nachhaltig verändert, was ebenfalls mit positiven Effekten verbunden ist. So legt eine Studie von Wissenschaftlern der US-amerikanischen National Institutes of Health nahe, dass Frauen, die an Schwangerschaftsdiabetes litten, ein umso geringeres Risiko haben, einen Typ 2-Diabetes zu entwickeln, je länger sie stillten.
Auch auf die Herz-Gesundheit von Frauen wirkt sich Stillen positiv aus. „Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa Schlaganfälle, treten im Lauf des Lebens bei einer Mutter, die länger stillt, deutlich seltener auf“, sagt Rouw. Erklären könnte man dies möglicherweise mit dem Effekt von Oxytocin, das beim Stillen ausgeschüttet wird: Das „Kuschelhormon“ wirkt nämlich blutdrucksenkend.
Das Kind profitiert ebenfalls davon, wenn es lange Muttermilch bekommt. Es ist so gut wie unbestritten, dass gestillte Babys später weniger übergewichtig sind und auch seltener Typ-2-Diabetes bekommen. Wahrscheinlich vergrößert sich dieser Effekt ebenfalls mit der Stilldauer – bewiesen ist das aber nicht. Die Hintergründe sind ebenfalls unklar. Möglicherweise spiele dabei auch das Mikrobiom eine Rolle, meint Rouw. Inzwischen weiß man nämlich, dass die Darmflora bei übergewichtigen Menschen anders zusammengesetzt ist als bei gesunden. „Je länger gestillt wird, desto nachhaltiger ist die Änderung des Mikrobioms, auch über die Stillzeit hinaus“, sagt die Ärztin. „Man kann bei einem Zwölfjährigen noch sehen, ob er gestillt wurde.“
Wer lange Still-Kind war, hat offenbar auch gute Chancen, als Erwachsener besonders schlau zu sein. So zeigte eine Kohorten-Studie aus Brasilien: Wer als Baby zwölf Monate und länger gestillt worden war, hatte im Alter von 30 Jahren im Schnitt einen um fast vier Punkte höheren Intelligenzquotienten. Die Ergebnisse waren den Autoren zufolge unabhängig von der sozialen Schicht der Mütter.
Anders als früher vermutet trägt eine verlängerte Stillzeit aber nicht dazu bei, das Allergierisiko zu mindern. Die ärztliche Leitlinie Allergieprävention empfiehlt, vier bis sechs Monate ausschließlich zu stillen und danach Beikost einzuführen. „Ein Allheilmittel ist Stillen nicht“, schränkt Rouw ein. Tatsächlich könnte es auch zumindest einen Nachteil haben: Dauernuckeln könnte Rouw zufolge das Karies-Risiko erhöhen. Ob Kinder dabei an Flasche oder Brust nuckeln, scheint dabei keine Rolle zu spielen.
Stillen oder Langzeitstillen: „Frauen können es nicht richtig machen“
Wie viele Frauen in Deutschland überhaupt stillen und für wie lange, lässt sich nur schätzen. „Wirklich gute Daten haben wir nicht“, sagt die Ärztin. Aus der KiGGS-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) geht hervor, dass 40 Prozent der Kinder, die zwischen 2012 und 2016 geboren wurden, vier Monate lang voll gestillt wurden. Die meisten Mütter versuchen es zunächst, doch hören viele nach zwei Monaten wieder auf. „Heute ist es die Norm, zumindest anfangs zu stillen“, berichtet Hebamme Birgit Eckl. Das kann dazu führen, dass sich Mütter, die nicht stillen können oder wollen, zu Rechtfertigungen gezwungen sehen. Rouw sagt: „Frauen können es nicht richtig machen – entweder sie stillen zu wenig oder zu viel.“
Oft tun sich aber auch praktische Probleme auf: Berufstätigkeit lässt sich mit Stillen nur bedingt vereinbaren. Nur im ersten Lebensjahr des Kindes haben Mütter Anspruch auf bezahlte Stillpausen. Bei älteren Kindern müssen sich Frauen also etwas einfallen lassen oder mit dem Arbeitgeber verhandeln. Allerdings stillen die meisten dann nicht mehr alle paar Stunden, sondern nur noch gelegentlich, meist abends. „Umso älter das Kind ist, umso leichter lässt sich Stillen mit dem Beruf vereinbaren“, sagt Rouw. Dennoch setzt sie sich dafür ein, dass das Recht auf Stillzeiten oder auf Abpumpen während der Arbeitszeit ausgedehnt wird, bis das Kind zwei Jahre alt ist.
Das ist auch im Sinne der WHO: Die Organisation empfiehlt, Kinder sechs Monate ausschließlich zu stillen. Danach sollten sie Beikost bekommen und „bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus“ gestillt werden. „Im Alter von 12 bis 23 Monaten deckt eine durchschnittliche Muttermilchmenge von etwa 500 Gramm pro Tag noch 35 bis 40 Prozent des Energiebedarfs eines Kindes und ist eine gute Quelle für essenzielle Fettsäuren und Vitamine, die in den meisten Beikostprodukten vergleichsweise weniger enthalten sind“, heißt es bei der WHO.