Murrhardter Kunstsammlung: Willy Zügels Gespür für Tierkörper
In Murrhardt haben sich die städtische Galerie und das Carl-Schweizer-Museum zusammengetan und widmen sich an beiden Standorten dem Werk des erstgeborenen Sohns von Heinrich von Zügel. Sein Schaffen war äußerst vielfältig, im besten Sinne mehrdimensional.

© Stefan Bossow
Die Galerie zeigt unter anderem Skulpturen von heimischen Tieren. Foto: Stefan Bossow
Von Christine Schick
Murrhardt. In Vitrinen der städtischen Galerie sind zum einen die Exoten, zum anderen heimische Tiere als Porzellan- und Bronzefiguren zu sehen: eine Gams, die schräg nach unten geneigt an einer Felskante steht, ein ganzes Knäuel an Jungfüchsen und ein Hase, der sich putzt, aber auch ein sitzender Eisbär oder ein Seehund, der einen Ball fürs Publikum zu balancieren scheint. Von den Skulpturen genauso wie von den Modellen geht eine ausgesprochene Lebendigkeit aus, Bewegung und typische Haltungen sind auf beeindruckende Weise eingefangen.
Die Ausstellung in der Murrhardter Kunstsammlung nimmt diese Besonderheit in Willy Zügels (1876 bis 1950) Schaffen in den Blick, dessen Werke bis heute bekannt sind, weil sie so lebensecht wirken. Jenseits von den vielen Kopien, die später von Porzellanmanufakturen wie Rosenthal, Nymphenburg oder Meißen hergestellt wurden und Willy Zügel ein breiteres Publikum erschlossen haben, liegt es Kuratorin Gabriele Rösch am Herzen, an diesen „Tierstudien“ – der Titel der Ausstellung – zu zeigen, „mit welcher Akribie er den Körper studiert hat, um ihn einfangen zu können“. Auch in den bereits stärker stilisierten Skulpturen sind die Muskelpartien gut auszumachen und verweisen auf den nicht ganz einfachen, spezifischen Weg des Künstlers. Er hat sich früh genauestens mit der Anatomie der Tiere auseinandergesetzt, was in die Herstellung von Lehrmodellen für Veterinäre, Zoologen, Künstlerkollegen und Vertreter weiterer mit dem Thema befasster Berufe wie Metzger mündete. Zudem entwickelte Zügel die Kameratechnik weiter – integrierte Licht- und Abstandsmessung ins Gerät – und schuf eine Reihe von Denkmälern. Um diese Vielseitigkeit abbilden zu können, haben sich Galerie und Carl-Schweizer-Museum zusammengetan. Es gibt also zwei Ausstellungen und Ausstellungsorte.
„Er hat sich diesen Zugang mit über die Naturwissenschaft geschaffen“
Was das künstlerische Schaffen anbelangt, stellt Gabriele Rösch fest: „Willy Zügel war in der Malklasse seines Vaters Heinrich von Zügel, erkannte aber, dass die Malerei nicht sein Metier ist, und wandte sich der Bildhauerei zu.“ Das, was wie eine Abgrenzung zum damals schon berühmten Vater und Tiermaler anmutet, führt für die Kuratorin der Murrhardter Kunstsammlung auch zur besonderen Qualität. „Um die Bildhauerei richtig im Sinne von kunstvoll ausüben zu können, muss er tiefer einsteigen“, sagt sie. Die Abbildung von Haltung, Proportionen, Muskulatur, das Gespür für den Tierkörper erarbeitet er sich über seine intensive Beschäftigung mit der Anatomie, „fuchst sich da so sehr ein“, dass Lehrmittelsammlungen von Universitäten seine entwickelten Tiermodelle erwerben. „Er hat sich diesen Zugang mit über die Naturwissenschaft geschaffen, hat es richtig draufgehabt, bevor er in der Kunst reüssierte.“
In diesem Dienst standen auch seine vielen Besuche in Tierparks oder Zirkusmanegen – es gab freundschaftliche Bande zum Zirkus Krone. Genauso zeugen Modelle von Brauereigaul Maxel oder einem Graureiher von diesem besonderen Weg zur Skulptur in einer Zeit, die von zwei Weltkriegen geprägt war und es Willy Zügel und seiner Generation besonders schwer machte.
„Als sich Willy Zügel dann die ersten Aufträge erarbeitet hatte, begann der Erste Weltkrieg“
Für Christian Schweizer zeigt sich im biografisch-zeithistorischen Hintergrund eben dieses harte Schicksal: Da war der Vater, Heinrich von Zügel, der sich aufgrund seiner besonderen malerischen Begabung aus ärmsten Verhältnissen befreien konnte, aber als Künstler und Professor später auch entsprechend auftrat. „Enkelinnen mussten einen Knicks, Enkel eine Verbeugung machen.“ In der Malklasse habe er seinen Sohn besonders hart rangenommen. Schweizer geht davon aus, dass der unter diesem „Übervater“ auch gelitten hat und zur Tierbildhauerei kam, um ihm aus dem Weg zu gehen. „Als sich Willy Zügel dann die ersten Aufträge erarbeitet hatte und anfing, sich zu etablieren, begann der Erste Weltkrieg.“
Er wurde schwer verletzt, unter anderem an der Hand. Ein Granatsplitter nahe des Herzens führte Jahrzehnte später letztlich zu seinem Tod, erzählt Schweizer. Es folgten Inflation, Diktatur und Zweiter Weltkrieg. Vor diesem Hintergrund beeindrucken ihn sein Werk und Wirken umso mehr. Im Museum sind eine Reihe der tieranatomischen Lehrmodelle zu sehen, genauso Abgüsse toter Tiere im Sinne von Studienobjekten sowie Gipsformen. Die Verbindung liegt für Christian Schweizer auch in der Nähe zur naturkundlichen Schau und der Präparation.
Im Medienraum sitzen Originalmodelle von Löwe und Hirsch
Ein weiterer Teil der Ausstellung widmet sich den kameratechnischen Erfindungen Willy Zügels, ein dritter den Denkmälern, die er schuf. Zu ihnen zählt beispielsweise das für den Alpinisten und Pionier des Fremdenverkehrs in Südtirol Theodor Christomannos mit einem 3,50 Meter großen Adler auf dem Karerpass. Im Medienraum sitzen Originalmodelle von Löwe und Hirsch, die später als größere Steinskulpturen und Wappenfiguren das Württembergische Ständehaus zierten.
In den beiden Ausstellungen finden sich Parallelen, vor allem aber ergänzen sie sich, um den verschiedenen Facetten Willy Zügels, der in München und Murrhardt lebte, gerecht zu werden, so der Tenor von Gabriele Rösch und Christian Schweizer.
Ausstellungsorte Die Ausstellung „Tierstudien“ in der städtischen Kunstsammlung Murrhardt wird am Sonntag, 23. Oktober, um 11 Uhr eröffnet, zum Aufbau bleibt die Galerie am Samstag, 22. Oktober, geschlossen. Gabriele Rösch und Christian Schweizer übernehmen die Einführung. Die Sonderschau läuft bis 4. Dezember und zeigt neben Gemälden vor allem Tierplastiken in Bronze und Porzellan. Unter dem Titel „Der Künstler und die Wissenschaft“ präsentiert das Carl-Schweizer-Museum Tieranatomiemodelle und unter der Überschrift„Der Künstler und seine Denkmäler“ einen Überblick über seine Schöpfungen. Der dritte Schwerpunkt gibt einen Einblick in die Patente des Künstlers im Bereich seiner Erfindungen und Forschungen. Die Galerie ist samstags, sonn- und feiertags von 13 bis 17 Uhr, das Carl-Schweizer-Museum samstags, sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.