Schätze von der Streuobstwiese
Oberweissacher Kindergartenkinder auf Insektensafari – Mostviertel-Verein betreibt das Projekt grünes Klassenzimmer
Streuobstwiesen sind ökologisch wertvoll und stellen ein Stück Kulturgut dar. Damit möglichst viele junge Menschen dies schätzen lernen, haben der Verein Schwäbisches Mostviertel und der Kreisjugendring Rems-Murr das Projekt grünes Klassenzimmer aus der Taufe gehoben – ein neuer Weg, um Kindern Themen wie Umwelt, Ökologie und Nachhaltigkeit näherzubringen.

© Pressefotografie Alexander Beche
Das Heupferd im Glas von Michaela Genthner ist eine der eindrucksvollsten Entdeckungen, die die Kinder auf der Streuobstwiese bei der Grundschule in Oberweissach gemacht haben. Alle eingefangenen Insekten und Spinnen wurden zum Schluss in die Natur zurückgegeben. Foto: A. Becher
Von Armin Fechter
WEISSACH IM TAL. Die Drei- und Vierjährigen vom Kindergarten Oberweissach legen einen wahren Feuereifer an den Tag, als sie mit ihren Gläsern ausschwärmen. Manche sind zwar anfangs etwas zögerlich. Das legt sich aber, je häufiger die Erfolgsrufe ertönen: „Ich habe einen Schmetterling gefangen!“ Oder einen Käfer. Oder eine Ameise. Mitunter genügt auch schon der unerwartete Anblick eines vorbeifliegenden Insekts, um Jubelrufe auszulösen: „Da, eine Biene!“, ruft ein Kind, ein anderes: „Eine Libelle!“
Die Streuobstwiese bei der Ganztagsgrundschule Oberweissach entpuppt sich als eine wahre Fundgrube. Die Kinder entdecken kreuchendes und fleuchendes Getier in großer Zahl. Immer wieder eilen sie den Hang hinauf zu Michaela Genthner, um ihre Funde stolz zu zeigen. In einem der Gläser hockt eine Zebraspinne, in anderen sind Motten und Krabbeltiere zu sehen. Sie werden in andere Behälter umgefüllt und anschließend zu einer Ausstellung drapiert.
Kinder lernen landschaftsprägende Streuobstwiesen kennen
„Die Wiese lebt!“, macht Michaela Genthner den Kindern damit deutlich. Die Weissacherin – vielfach auch als Naturparkführerin bekannt – hat sich in einem umfänglichen Kurs des Vereins Schwäbisches Mostviertel zur Streuobstpädagogin fortgebildet. Im grünen Klassenzimmer, draußen unter freiem Himmel, vermittelt sie nun den Kindern den Wert dieser besonderen Landschaftsform, die das Weissacher Tal und die gesamte Backnanger Bucht prägt.
Das Areal bei der Oberweissacher Schule ist einer von fünf Standorten für den Naturunterricht, mit dem Schulen und Kindergärten aus dem Mostviertelgebiet angesprochen werden. Das Programm, zu dem auch die Ausbildung der Streuobstpädagogen gehört, wird von der Baden-Württemberg-Stiftung und der Heidehof-Stiftung mit 95000 Euro gefördert. Es hat zum Ziel, Naturerfahrungen wieder zurück in die Lebenswirklichkeit von Kindern zu bringen, wie Simone Maile vom Kreisjugendring Rems-Murr erläutert. Sie ist als Projektreferentin fürs grüne Klassenzimmer zuständig und koordiniert die Aktivitäten: „Mir ist wichtig, Kinder so oft wie möglich wieder nach draußen zu locken und ihnen Raum zu geben, die Natur auf eigene Faust zu entdecken. Wir brauchen die Natur, und die Natur braucht uns.“ Die offizielle Eröffnung der grünen Klassenzimmer steht allerdings erst noch bevor. Sie soll am Sonntag, 22. September, im Sporterlebnispark in Allmersbach im Tal stattfinden. Dort heißt es dann „Streuobstwiese – Landschaft, die schmeckt“. Gleichzeitig ist dies die Auftaktveranstaltung für das Projekt Baum 2020.
Wichtig ist den Akteuren beim grünen Klassenzimmer der Aspekt Barrierefreiheit, damit auch Kinder mit Handicap teilnehmen können. Zudem sollen auch VKL- und Förderschulklassen regelmäßig einbezogen werden. Gemäß den Plänen werden 140 Bildungsaktionen pro Jahr und damit während der Projektlaufzeit insgesamt 350 Aktionen durchgeführt. Unterm Strich durchlaufen dann etwa 1500 Kinder die Naturschule.
Die Kinder lernen dabei zunächst den Lebensraum Streuobstwiese kennen. Sie erfahren, was dies überhaupt ist, was dort wächst und was dort lebt. In einem weiteren Schritt geht es um die Bäume und die Frage, wie sie wachsen, warum und wie sie geschnitten werden und wie man einen Baum pflanzt. Und schließlich lernen die Kinder den Lebensraum auch im Winter kennen. Sie suchen Spuren im Schnee, hängen selbst gemachte Meisenknödel auf und basteln Futterhäuschen. Auch eine Insektensafari, wie sie die Kinder vom Kindergarten Oberweissach gemacht haben, gehört zum Programm, ferner die Tiersuche entlang eines Pirschpfads sowie Kräuterküche und Saftladen. Und schließlich können die Kinder auch verschiedene Obstarten verkosten und zu Sirup, Gelee, Dörrobst und anderem mehr verarbeiten. Möglich sind auch kreative Aktionen, beispielsweise die Gestaltung von Kunstwerken mit Naturmaterialien von der Wiese.
„Ihr habt ja tolle Schätze gefunden“, lobt Michaela Genthner die Kinder am Ende der Suchaktion. Unterdessen landet eine Schwebfliege beim Fotografen. Faszinierte Augen beobachten das Schauspiel. Ein Junge kommt mit seinem Glas an, er hat etwas Rotes eingesammelt. Michaela Genthner wirft einen raschen Blick darauf und schmunzelt: „Du hast Johannisbeeren gefangen.“
Am Ende dürfen alle die Behälter nehmen und in der Wiese ausleeren: Die Tiere werden der Natur zurückgegeben.