Stadt stößt Klärschlammtrocknung ab

Backnang hat Kooperationspartnern gekündigt – Aspacher wollen nicht abwarten, was kommt: Vertrag mit Stadt Stuttgart

Die Klärschlammtrocknungsanlage in Neuschöntal läuft zwar laut Stadt Backnang noch auf vollen Touren. Trotzdem wurde den zwölf Kooperationspartnern zum Ende 2019 außerordentlich gekündigt. Die Gemeinde Aspach will nicht abwarten und womöglich auf ihrem Klärschlamm sitzen bleiben. Der Gemeinderat beschloss jetzt, einen neuen Vertrag mit der Stadt Stuttgart abzuschließen.

Noch läuft sie auf vollen Touren: Die Klärschlammtrocknungsanlage auf dem Kläranlagenareal in Neuschöntal (rechts die Biovergärungsanlage des Landkreises). Luftbild: F. Muhl

© Florian Muhl

Noch läuft sie auf vollen Touren: Die Klärschlammtrocknungsanlage auf dem Kläranlagenareal in Neuschöntal (rechts die Biovergärungsanlage des Landkreises). Luftbild: F. Muhl

Von Renate Häussermann

ASPACH/BACKNANG. Es ist eine außergewöhnliche Maßnahme, die die Aspacher da quasi im Alleingang beschlossen haben. Bürgermeisterin Sabine Welte-Hauff beschreitet den neuen Weg mit der Begründung: „Backnang bietet keine weiteren Fortsetzungsmöglichkeiten an.“ Allerdings verschließt sie sich auch nicht, wenn Backnang je wieder auf die Gemeinden zukommen sollte: „Sollte sich interkommunal wieder etwas auftun, werden wir mit ins Boot gehen, wenn es für uns Vorteile bringt.“

Neben Aspach sind es Althütte, Backnang, Burgstetten, Großerlach, Murrhardt, Oppenweiler, Remshalden, Schwaikheim, Spiegelberg, Sulzbach an der Murr und der Zweckverband Weissacher Tal, die sich 2011 auf eine 20-jährige Zusammenarbeit mit der Städtischen Klärschlammverwertung Backnang GmbH festgelegt haben. Eine GmbH war aus steuerlichen Gründen gegründet worden. Bei der Einweihung der Klärschlammtrocknungsanlage in unmittelbarer Nachbarschaft zur Sammelkläranlage Backnang-Neuschöntal war 2012 die Rede davon, dass die „Verwertung der anfallenden Klärschlämme langfristig auf einer verlässlichen Basis gesichert“ sei. Ganz so ist es jetzt doch nicht gekommen. Die ehedem mit einem Aufwand von 3,8 Millionen Euro erstellte Anlage hatte ihre Macken. Bürgermeisterin Welte-Hauff wusste in der Ratssitzung davon zu berichten, dass die Anlage immer wieder ausfiel, „getrocknetes Granulat lag im Freien, dann kam Regen, und es wurde wieder zu Schlamm.“ Der bei der Stadt Backnang für die Anlage zuständige Stadtbauamtsleiter Hans Bruss verweist bei der Frage nach dem Warum auf ein sogenanntes Interessenbekundungsverfahren, das vergangenes Jahr gestartet wurde. Oder mit einfachen Worten ausgedrückt: „Wir wollen die Anlage verkaufen.“ Interessenten gebe es. Voraussichtlich werde sich ein privater Betreiber finden. Und warum will Backnang die Anlage verkaufen? Es ist die Wirtschaftlichkeit, die der Stadt letztlich einen Strich durch die Rechnung macht. Denn bislang wurde die Anlage von Mitarbeitern der Kläranlage am Laufen gehalten. Diese sind aber mit der Kläranlage ohnehin voll ausgelastet. Die Personalnot ist ein großes Problem. „Wir haben zwei freie Stellen und bekommen kein Fachpersonal“, sagt Bruss. Es ist also nicht alles so gelaufen, wie man es sich vor sieben Jahren bei der Einweihung vorgestellt hat. Die Wärme für die Klärschlammtrocknung wurde nämlich einst von der benachbarten Biovergärungsanlage des Landkreises Rems-Murr kostenlos geliefert. Ein wunderbares Arrangement, so die damalige Schwärmerei. Geklappt hat es nicht immer, zum Beispiel wenn die Umgebungstemperatur zu niedrig war. So musste mitunter bei der Klärschlammtrocknung mit Gas zugeheizt werden. Und dann kam noch die große Überraschung, dass der Landkreis die Abwärme gar nicht kostenlos an die Stadt liefern darf. Das Finanzamt hat den Partnern auf die Finger geklopft.

In Aspach wollte man im Gegensatz zu anderen Gemeinden nicht abwarten, was sich die Backnanger künftig für ihre Anlage einfallen lassen. Der Aspacher Klärwärter Andre Mahlert reagierte schneller als alle anderen. Er nahm Kontakt zur Stadt Stuttgart auf. Und siehe da: Die Stadt Stuttgart hat ein entsprechendes Angebot vorgelegt und sorgte für eine weitere Überraschung. Die bisherigen Kosten für die Klärschlammentsorgung in Backnang beliefen sich für Aspach auf 113200 Euro (Transport und Entsorgung von etwa 800 Tonnen Klärschlamm im Jahr 2018). Bei der Entsorgung in Stuttgart-Mühlhausen würden sich die Kosten auf etwa 59200 Euro bei jährlich 800 Tonnen belaufen. Hinzu kämen noch 27000 Euro für den Transport. Unterm Strich wären das 86200 Euro, also wesentlich günstiger als in Backnang.

Der im Aspacher Rathaus für die Kläranlage zuständige Sachgebietsleiter Klaus Polaschek freute sich: „Bei einer vergleichsweise so kleinen Gemeinde wie uns hätte ich nicht gedacht, dass Stuttgart uns nimmt.“ Ein dickes Lob dafür gab es für den findigen Kläranlagenverantwortlichen Mahlert. „Das war super“, lobte ihn auch FWA-Sprecher Gerd Raichle unter dem Beifall aller Gemeinderäte. Mit Stuttgart soll nun ein Vertrag abgeschlossen werden für drei, lieber noch fünf Jahre. Ebenso mit der Firma Siebert und Merkle aus Waiblingen, die mit dem Schlammtransport beauftragt werden soll.

Kommentar
Schlamassel

Von Renate Häußermann

Es hörte sich alles so gut an. Damals im Mai 2012, als die Klärschlammtrocknungsanlage Backnang in Betrieb genommen wurde. Und kaum schreibt man das verflixte siebente Jahr, sind die Träume dahin. Dass der Landkreis der Stadt die Abwärme seiner Biovergärungsanlage nicht kostenlos abgeben darf, versteht wohl nur der ganz harte Kern der Paragrafenreiter. Und wie es ein privater Betreiber besser hinkriegt und dabei schwarze Zahlen schreibt (sonst hätte er ja wohl kein Interesse), erschließt sich dem Bürger nur schwerlich, wenn überhaupt. Aspach sieht dem ganzen Geschehen nicht tatenlos zu. Bürgermeisterin Sabine Welte-Hauff hat zielgerichtet eine klare Marke gesetzt. Mit uns nicht, sagt sie und kehrt dem Schlamassel denn Rücken zu. Falls sich neue Wege gen Backnang auftun, ist sie verhandlungsbereit. Allerdings nur, wenn sich für Aspach Vorteile ergeben. Klare Worte, klare Haltung. Klares Handeln. Alle Achtung für die noch amtsjunge Bürgermeisterin.

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Erstellt:
24. Juli 2019, 06:00 Uhr

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