Stadt Backnang macht sich starkregensicher

Derzeit werden für die Stadt Backnang Gefahrenkarten für das Starkregenrisikomanagement erstellt. Im Frühjahr werden die Ergebnisse den Bürgern bei Infoveranstaltungen vorgestellt und dem Gemeinderat wird ein Handlungskonzept zur Risikominimierung vorgeschlagen.

Oft braucht es nicht viel, um Schäden zu verhindern, etwa eine Stufe vor der Tür oder einen erhöhten Lichtschacht.  Foto: Adobe Stock/helivideo

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Oft braucht es nicht viel, um Schäden zu verhindern, etwa eine Stufe vor der Tür oder einen erhöhten Lichtschacht. Foto: Adobe Stock/helivideo

Von Matthias Nothstein

Backnang. Im Kampf gegen Überschwemmungen hat sich in Backnang und in der gesamten Raumschaft in den vergangenen Jahren einiges getan. Allerdings ging es dabei meist um die Gefahren, die von Flüssen und Bächen im Falle eines Hochwassers ausgehen. Es wurden Rückhaltebecken geplant und zum Teil auch schon gebaut, es wurden Dämme und Mauern entlang der Flussläufe errichtet und es wurden etliche Millionen Euro in Pumpwerke investiert. Nachdem all jene Gefahren, die von solch einem Gewässerhochwasser ausgehen können, voraussichtlich in nächster Zukunft gebannt werden können, richtet sich nun das Hauptaugenmerk auf die Probleme, die aufgrund eines Starkregens auftreten können. Das Besondere daran ist, dass von den Gefahren des Starkregens auch Areale betroffen sind, in denen sich die Bürger und Kommunen bislang eigentlich sicher gefühlt haben. Denn Starkregen werden von heftigen Gewittern verursacht, wenn in kürzester Zeit Unmengen an Regenmassen anfallen. Aber im Gegensatz zu Hochwasser an Flüssen und Bächen ist der genaue Ort und Zeitpunkt von Starkregen kaum vorherzusagen und kann für die Betroffenen sehr überraschend auftreten. Und ganz wichtig: Meist kann die Kommune nicht für den Schutz sorgen, sondern die Vorsorge liegt in der Verantwortung eines jeden einzelnen Bürgers.

Aber wie können sich die Bürger vor den Gefahren durch Starkregen schützen? Zuerst ist die Gemeinde am Zug. In einem ersten Schritt gilt es abzuklären, wo überall es heikel werden könnte. Hochwassergefahrenkarten existieren schon seit Jahren, nun werden also auch Starkregengefahrenkarten erarbeitet. Auf ihnen wird festgehalten, wo nach einem lokalen Regenguss eine Überflutungsgefährdung besteht – und zwar unabhängig von einem Gewässer.

60 Prozent der Überflutungsschäden stammen nicht von Fließgewässern

In der jüngsten gemeinsamen Sitzung des Backnanger Ausschusses Technik und Umwelt und des Verwaltungs- und Finanzausschusses informierte Armin Binder vom Ingenieurbüro Winkler und Partner aus Stuttgart über die Vorgehensweise beim kommunalen Starkregenrisikomanagement. In seinem Sachstandsbericht zitierte Binder eine Studie der Versicherer, wonach 60 Prozent der Überflutungsschäden an Gebäuden entstehen, bei denen ein Fließgewässer keine Rolle spielt.

In den vergangenen Monaten wurden im Raum Backnang Karten über eine Fläche von 40 Quadratkilometern erstellt, wobei nur der bebaute Bereich betrachtet wird. Im November wird geprüft, wie plausibel die Ergebnisse und Prognosen sind. Dazu gibt es Gespräche mit Vertretern der Verwaltung, der Feuerwehr, des Bauhofs oder des THW, die ihr lokales Wissen einbringen können. Als nächster Schritt erfolgt dann eine Risikoanalyse, die wiederum in ein Handlungskonzept mündet. Dieses soll ab Januar 2023 erarbeitet und im Laufe des Frühjahrs im Gemeinderat vorgestellt werden. Ende des Frühjahrs 2023 ist eine Informationsveranstaltung für die Bürger vorgesehen. Danach – die Rede ist vom Frühsommer 2023 – wird der Gemeinderat das Handlungskonzept verabschieden. Die Zeit drängt, denn die Arbeiten werden vom Land mit 70 Prozent bezuschusst. Dafür muss jedoch bis Ende Juni die Verwendung nachgewiesen werden.

„Wir müssen das Thema jetzt angehen“

Backnangs Stadtbaudezernent Stefan Setzer forderte, „wir müssen das Thema jetzt angehen“. Er wiederholte, dass auf dem Gebiet Hochwasserschutz schon viel erreicht werden konnte und dass es selbstverständlich Überschneidungen zwischen den Gebieten Hochwasser und Starkregen gebe. Nun gelte es vor allem, die Bürger zu sensibilisieren, dass auf ihren Grundstücken Gefahren lauern. Konkret präsentierte Binder Karten des Gebiets Backnang-West. Simulationen zeigten, wie die Flächen bei einem Starkregen geflutet werden. Laut Setzer wurde dieses Areal bewusst gewählt, weil sich auf dem IBA-Gelände demnächst einiges tun werde, so werde die Analyse zu einer „guten Handlungsanweisung für die Zukunft“. Schließlich soll ab 2024 eine Prioritätenliste der Stadt abgearbeitet werden. Die anstehenden Aufgaben machten Heinz Franke (SPD) geradezu „ein bisschen Angst“. Er hakte nach, wie viele finanzielle Mittel dafür vonnöten seien. Und er forderte eine To-do-Liste. Fraktionskollege Armin Dobler wollte wissen, wie andere Kommunen mit der Aufgabe umgehen und ob es irgendwo Best-Practice-Beispiele gibt. Zumindest Frankes Ängste konnte Setzer zerstreuen, „ich würde nicht sagen, dass da Millionenbeträge auf uns zukommen, oft helfen kleine, kluge Maßnahmen sehr viel“. So könnten Gebäude etwa durch die Sicherung von Türen oder Lichtschächten einfach nachgerüstet werden. Um die Jahrhundertaufgabe jedoch meistern zu können, müssen die Städte laut Binder ohnehin ganz anders gestaltet werden. Da geht es um das Straßenprofil, das zum Ableiten des Wassers genutzt werden kann, oder um Eingänge, die mindestens 30 Zentimeter über dem Straßenniveau liegen sollten. Auch wenn die Barrierefreiheit überall großgeschrieben werde, so sagte Binder doch eindeutig: „Ebenerdigkeit ist Gift.“

Und weil Meike Ribbeck (CIB) zuvor für Renaturierung von Flächen und für Bodenentsiegelung geworben hatte, erklärte auch Setzer: „Wir müssen die Bürger auch sensibilisieren, dass nicht jede Hofeinfahrt gepflastert werden muss.“

Siglinde Lohrmann fordert Infoversammlungen in jedem Stadtteil

Ob eine Infoveranstaltung für dieses brisante Thema ausreicht? Zumindest Siglinde Lohrmann (SPD) zeigte sich da skeptisch. Da die Bürger bei diesem heiklen Thema viele Fragen hätten, plädierte sie für Infoversammlungen in jedem Stadtteil. Und Sabine Kutteroff (CDU) forderte, die Karten so genau wie möglich und mit viel Sorgfalt zu erstellen, zumal vermutlich auch die Versicherer die Ergebnisse sehr genau studieren würden. Sollten die Planer in Zeitdruck kommen, so sollte eher die Frist verlängert werden. Ihre Frage, ob es für die Baumaßnahmen Fördermittel gibt, beantwortete Binder mit Ja. Und er ergänzte: „Aber nicht für private.“

Gerhard Ketterer (CDU) gab zu bedenken, dass bei Starkregen Wasser auch aus dem Kanal kommen kann. Er fragte: „Sind unsere Kanäle richtig dimensioniert?“ Zumal die verdichtete Bauweise und die Nachverdichtung, die ständig propagiert werde, es auch nicht fördert, dass das Wasser vor Ort versickern kann. Setzers Antwort war ernüchternd. Die Kanäle sind groß, aber sie werden bei einem Starkregen niemals die ungeheuren Wassermassen aufnehmen können. Die Durchmesser, die dafür benötigt werden würden, sind unmöglich zu realisieren. Und auch das Versickern vor Ort spielt bei einem Starkregen von 200 Litern pro Quadratmeter keine Rolle mehr. „Da geht es nicht mehr darum, ob der Boden etwas aufnehmen kann, sondern da muss das Wasser abgeleitet werden können.“

Die Planung zum Thema Risikomanagement wird kräftig gefördert

Prävention In Baden-Württemberg war die Initialzündung für das Präventionsengagement die Flutkatastrophe von Braunsbach im Jahr 2016. Und nach der Katastrophe vom Ahrtal vom Sommer vergangenen Jahres hat die gesamte Thematik nochmals Fahrt aufgenommen.

Vorgehen Der Leitfaden für kommunales Starkregenrisikomanagement der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg sieht drei Stufen vor: Erstellung der Gefahrenkarte, Analyse des Überflutungsrisikos und Handlungskonzept zur Risikominimierung.

Förderung Das Starkregenrisikomanagement wird vom Land mit 70 Prozent bezuschusst, der Eigenanteil der Stadt Backnang an der Planung beträgt rund 30000 Euro. In Baden-Württemberg sind bis Ende 2021 rund 250 Konzepte in Bearbeitung gewesen.

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Erstellt:
3. November 2022, 06:00 Uhr

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