Vorsicht bei Online-Ratschlägen

Wie TikTok-Videos die Wahrnehmung von ADHS verzerren

Millionen Aufrufe, aber nur wenig gehaltvolle Information: In vielen populären Videos auf Social Media wird ADHS romantisierend dargestellt. Fachleute widersprechen: Es handele sich mitnichten um eine „süße Störung“.

Scheitern am Schreibtisch: Viele Menschen mit ADHS haben ein Problem mit Organisation und Terminen

© dpa/Sven Hoppe

Scheitern am Schreibtisch: Viele Menschen mit ADHS haben ein Problem mit Organisation und Terminen

Von Markus Brauer/KNA/dpa

Eine Mehrheit beliebter Tiktok-Videos zu ADHS enthält gravierende Fehler: Das zeigt eine US-Studie, die im aktuellen Fachjournal „PLOS One“ erschienen ist.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Paula Stehr bezeichnet es g als besorgniserregend, dass in den untersuchten Videos „viele und zum Teil falsche Symptome angesprochen, aber kaum Hinweise zum Umgang mit ADHS gegeben werden“.

“A double-edged hashtag: Evaluation of #ADHD-related TikTok content and its associations with perceptions of ADHD” by Amori Mikami et al. PLOS ONEhttps://t.co/cltQobs23s — Neuroscience News (@NeuroscienceNew) March 19, 2025

Im Schnitt 38,3 Sekunden lange Videos

Untersucht wurden laut Angaben die beliebtesten Videos, die Nutzerinnen und Nutzern unter dem Schlagwort #ADHD (die englischsprachige Abkürzung für Attention Deficit Hyperactivity Disorder) vorgeschlagen werden. Diese waren im Schnitt 38,3 Sekunden lang, wurden rund fünfeinhalb Millionen Mal angeklickt und knapp eine Million Mal gelikt.

Psychologen bewerten über die Hälfte der in den Videos angesprochenen Symptome als nicht-ADHS-spezifisch. Die meisten (68,5 Prozent) bildeten eher „normale menschliche Erfahrungen“ ab. In einem zweiten Schritt bewerteten Freiwillige jeweils die fünf am besten und am schlechtesten bewerteten Videos und kamen zu ähnlichen, wenn auch weniger deutlichen Ergebnissen.

Was ist ADHS?

  • ADHS hängt mit einem gestörten Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn zusammen - in der Regel von der Kindheit an. Außer nach Unfällen mit Hirnschädigung können Erwachsene die psychische Erkrankung nicht plötzlich bekommen.
  • Vererbung spielt nach dem heutigen Stand der Forschung die größte Rolle. Doch kein einzelnes Gen ist verantwortlich, es ist ein wechselndes Zusammenspiel von Erbfaktoren.
  • Der Punkt, an dem es kippt, ist nicht klar definiert“, erläutert Andreas Reif, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Uniklinik Frankfurt. Eine wichtige Rolle beim Ausgleich spielten intellektuelle Fähigkeiten. Deshalb bekomme auch nicht jeder Mensch mit dieser Dopamin-Störung automatisch Probleme im Leben.

„Eine ‚süße Störung’, die in kurzen, humorvollen Clips inszeniert wird“

Durch die Videos könne sich die Wahrnehmung vermeintlich passender eigener Symptome verstärken, erklärt die Unterhaltungsforscherin Kathrin Karsay. „Alltägliche Schwierigkeiten werden dann möglicherweise vorschnell als Symptome interpretiert.“

Auch setze sich der Eindruck fest, dass ADHS weit verbreitet sei, „selbst wenn die tatsächliche Prävalenz geringer ausfällt“. Diese liegt bei Kindern und Jugendlichen bei etwa fünf Prozent, bei Erwachsenen zwischen zwei und drei Prozent.

Einer der zehn häufigsten Hashtags zu Gesundheitsthemen

Auf Tiktok gilt #ADHD als einer der zehn häufigsten Hashtags zu Gesundheitsthemen. Soziale Medien seien eine zentrale Informationsquelle und ein Ort für Austausch, „vor allem wenn es um Gesundheitsthemen geht“, betont Karsay.

ADHS-Betroffene würden dort „oft als quirlig, liebenswert und fast schon unterhaltsam dargestellt. Eine ‚süße Störung’, die in kurzen, humorvollen Clips inszeniert wird.“ So könne ein romantisierendes und verharmlosendes Bild entstehen.

TikTok is “romanticising” ADHD symptoms and leading young adults to assume wrongly that they have the condition, a study has suggested.https://t.co/O4WYQaLddT — Family Education Trust (@FamEdTrust) March 19, 2025

ADHS-Darstellung ist kein Einzelfall

Inkorrekte oder überzeichnete Darstellungen gibt es laut Karsay auch bezüglich anderer Krankheitsbilder, etwa dem Tourette-Syndrom, Prostatakrebs oder einer Sehnenansatzentzündung am Ellenbogen.

Stehr spricht sich für ein professionelles Gesundheitsmanagement auf Plattformen wie Tiktok aus. „Eine tatsächliche Diagnose kann jedoch nur durch Personen mit der entsprechenden Qualifikation erfolgen.“

Die Medienpsychologin Sabine Trepte nimmt auch Fachleute in die Pflicht: Etwa psychologische Berufsverbände dürften nicht „stillhalten und dann meckern, dass sich Betroffene ihre Inhalte auf Tiktok oder Amazon selbst suchen.“

Die neurobiologische Entwicklungsstörung ADHS beginnt im Kindes- und Jugendalter; in dieser Lebensphase zählt sie zu den am häufigsten diagnostizierten psychischen Erkrankungen. Sie tritt situationsabhängig auf und ist vor allem durch Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität gekennzeichnet, die sich nicht anderweitig erklären lassen.

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Erstellt:
20. März 2025, 09:12 Uhr

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