Wie viel teurer ist der Tierarztbesuch?
Seit dem 22. November gilt die neue Gebührenordnung für Tierärzte, die erste seit über 20 Jahren – eine dringend benötigte Anpassung, meinen die Tierärzte der Region. Trotzdem bleibt es wirtschaftlich schwer für die Praxen, denn die aktuelle Inflation ist gar nicht mit einberechnet.

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Windhund Yuri und Besitzer Markus Heubach (rechts) in der Sprechstunde bei Tierärztin Sabrina Hohberg. Foto: Tobias Sellmaier
Von Kristin Doberer
Rems-Murr. Wer mit seinem Hund oder seiner Katze zum Tierarzt geht, zahlt seit dem 22. November mehr. Seit Dienstag nämlich gilt die neue Gebührenordnung für Tierärzte (GOT). Ein Beispiel: Eine allgemeine Untersuchung kostete für einen Hundes laut der alten GOT 13,47 Euro, die Untersuchung einer Katze 8,98 Euro. Nun liegt der Preis in der GOT für Hund und Katze bei 23,62 Euro. Zumindest auf dem Papier sieht das nach einer extremen Preissteigerung aus. In der Realität verhält sich das in vielen Praxen aber deutlich weniger dramatisch. „Eine wirtschaftlich arbeitende Praxis kann die Untersuchung schon lange nicht mehr für nur neun Euro machen“, erklärt Harald Pfeiffer, Tierarzt in Murrhardt, der auch als Kreisobmann und im Landesverband des Bunds praktizierender Tierärzte tätig ist.
Die alte GOT nämlich stammt aus dem Jahr 1999, seitdem habe es lediglich kleinere Anpassungen gegeben. „Aber kein Unternehmen kann heute mit den Preisen von vor 20 Jahren abrechnen“, vergleicht Pfeiffer. So müssen die Tierärzte sich zwar grundsätzlich an die GOT halten, sie können je nach Voraussetzung aber auch bis zum dreifachen Gebührensatz hochgehen. So habe bei ihm die tatsächliche Preissteigerung Anfang der Woche bei der Untersuchung einer Katze lediglich etwa vier Euro betragen.
Die wohl größte Änderung in der GOT: Die Behandlung von Katzen wurde preislich mit der von Hunden gleichgesetzt und damit eben auch teurer. Vollkommen gerechtfertigt, finden die Tierärzte der Region. „Die Untersuchung nimmt ja die gleiche Zeit in Anspruch“, sagt Sabrina Hohberg. Auch sei die Untersuchung von kleineren Tieren nicht immer einfacher. Als Beispiel: Die Injektion für ein Kaninchen war vor der GOT-Anpassung nur etwa halb so teuer wie die Injektion für eine Katze oder einen Hund – obwohl die gleiche Leistung mit dem gleichen Zeitaufwand stattfindet.
Viele alltägliche Leistungen waren in der alten GOT gar nicht aufgeführt
Die Tierärzte der Region begrüßen die neue Ordnung – aber nicht unbedingt, weil die Preise gestiegen sind. „Das gibt uns deutlich mehr Leistungen an die Hand“, sagt der Murrhardter Tierarzt Thomas Schauß. In der neuen GOT seien einige Leistungen aufgeführt, die in der Praxis zwar schon lange alltäglich sind, die in der alten GOT aber gar nicht aufgeführt waren, weil es die vor 23 Jahren so noch gar nicht gab. „Die neue ist nun wesentlich detailreicher. Das macht uns zwar auch etwas Arbeit beim Einpflegen, aber wir sind froh, dass wir nun ein neues Instrument an der Hand haben.“ In der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass Kunden sich die in die Jahre gekommene GOT angeschaut haben und dann von den tatsächlichen Preisen auf der Rechnung überrascht waren. „Jetzt müssen wir uns nicht mehr ständig rechtfertigen“, so Schauß.
Dem stimmt auch Pfeiffer zu. Gerade für Behandlungen mit der modernen Technik – deren Anschaffung immer teurer werden –, die in der alten GOT nicht bedacht wurde, habe man sich überlegen müssen, wie man diese abrechnet. „Besonders weil eine Behandlung ja immer ein Paket ist. So werden zum Beispiel bei einer Kastration, die in der Gebührenordnung mit 30 Euro veranschlagt ist, noch weitere Leistungen miteingerechnet: die Narkose, die aufgewendeten Arbeitsmittel, die Schmerzmittel und Antibiotika und vieles mehr“, sagt Pfeiffer. Die Änderung sei längst überfällig gewesen und „sie war auch maßvoll“, meint Pfeiffer.
Die Teuerung fällt für die Kunden in eine ungünstige Zeit
Für die Patienten beziehungsweise deren zahlende Besitzerinnen und Besitzer ist das zunächst natürlich keine allzu gute Nachricht. „Die Erhöhung fällt gerade in eine ungünstige Zeit“, ergänzt die Backnanger Tierärztin Eva Bonfert. Zum Teil „schlucken die jetzt schon erst mal“ beim Blick auf die neuen Preise. Einige haben von der neuen Gebührenverordnung aber auch schon aus den Medien erfahren und reagieren mit Verständnis, berichtet die Tierärztin. Dem schließt sich auch Sabrina Hohberg an. „Manche haben versucht, die Routineuntersuchung oder zum Beispiel eine Impfung noch vor dem 22. November zu erledigen“, erzählt die Backnanger Tierärztin. Einige seien aber auch überrascht worden, manche haben in den ersten Tagen auch etwas empört reagiert, aber ein Großteil zeige Verständnis. „Wir erklären auch, wie sich das zusammensetzt und dass wir uns nicht an ihnen bereichern“, stellt Hohberg klar.
Vielmehr sei sogar das Gegenteil der Fall. Denn die Berechnungen, auf denen die neue GOT beruht, wurden im Jahr 2020 durchgeführt. Damals haben Expertenteams ein wissenschaftliches Guthaben herausgegeben, in welchem berechnet wurde, wie viel eine Tierarztminute wert ist – man kam auf das Ergebnis von 2,25 Euro pro Minute. Danach wurden die Gebühren berechnet, im Durchschnitt bestand laut Bund Praktizierender Tierärzte ein Anpassungsbedarf von rund 20 Prozent.
Kosten verschiedenster Bereiche sind für die Tierärzte gestiegen
„Allein durch die Inflation müsste das aber jetzt schon wieder mehr sein“, sagt Tierärztin Eva Bonfert. Bei aller Tierliebe müsse schließlich auch eine Tierarztpraxis wirtschaftlich arbeiten. Auch die Tierärzte haben mit erhöhten Energiekosten und der allgemeinen Preissteigerung zu kämpfen. „Manche Pharmaunternehmen haben die Preise in diesem Jahr schon zweimal erhöht“, sagt Bonfert. Dazu kommen die in der Region hohen Mietpreise und natürlich auch das Gehalt der Angestellten. Letzteres habe sich in den vergangenen Jahren fast verdoppelt, berichtet Schauß. „Und das zu Recht.“ Schließlich werden nicht nur die Geräte immer moderner, auch die Ausbildung der Tierärzte und Helfer werde immer besser.
Dabei ging es mit der neuen Gebührenordnung preislich nicht nur nach oben, in bestimmten Bereichen sind die Kosten auch gefallen. Das betreffe vor allem die Diagnostik, wie Thomas Schauß am Beispiel von Röntgenaufnahmen erklärt. „Röntgen war früher sehr teuer, man musste nach der Röntgenaufnahme zum Beispiel erst noch den Film entwickeln lassen. Mittlerweile ist das mit digitalem Röntgen einfacher.“ So wurde das Röntgen in der neuen Gebührenverordnung von 40 Euro auf 28 Euro herabgesenkt. Ähnlich sieht es für andere Diagnostikleistungen aus, die durch moderne Geräte nun auch in den Praxen selbst stattfinden können.
Lohnt sich jetzt eine spezielle Versicherung für das Haustier?
Tierkrankenversicherungen haben in den vergangenen Jahren deutlich an Beliebtheit zugenommen. Lohnt sich das angesichts steigender Preise nun auch? Zum Teil, sind sich die Tierärzte einige. „Gerade für ein junges Tier kann das schon sehr sinnvoll sein“, meint Hohberg. Besonders eine OP-Versicherung wird empfohlen. Durch einen Unfall könne ein Aufenthalt in einer Klinik oder eine Operation anfallen, bei der schnell mal mehrere Tausend Euro fällig werden. Ältere Tiere dagegen fallen aus manchen Tierkrankenversicherungen raus, auch wenn gerade das die Zeit ist, in der die gesundheitlichen Probleme der Haustiere zunehmen. „Man muss bei der Wahl auf jeden Fall genau hinschauen“, sagt Hohberg. Es komme auch immer wieder vor, dass gewisse Krankheiten oder Rassen im Kleingedruckten ausgeschlossen werden.
Mittlerweile sei der Markt an Tierversicherungen aber auch in Deutschland gewachsen, Harald Pfeiffer empfiehlt die Seite www.eisbaumtabelle.de als gutes Vergleichsportal. Die Tierärzte empfehlen auch, sich Geld für den Krankheitsfall des Tieres auf die Seite zu legen. „Bei der Anschaffung eines Haustiers muss man sich klar sein, dass nicht nur Kosten für Futter anfallen“, meint Harald Pfeiffer.
Anpassung In Deutschland werden tiermedizinische Leistungen basierend auf der Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte (GOT) abgerechnet. Diese gibt den Gebührenrahmen für alle Leistungen vor und ist eine deutschlandweit gültige Rechtsvorschrift. Innerhalb dieses Rahmens variieren die Gebühren beispielsweise aufgrund von Spezialisierungen, örtlichen Verhältnissen oder unterschiedlicher Geräteausstattung.
Moderne Tiermedizin Die zuvor gültige GOT stammt aus dem Jahr 1999 und wurde in den letzten 23 Jahren nur minimal angepasst. In der Zwischenzeit haben sich grundsätzlich und innerhalb der Tiermedizin viele Rahmenbedingungen verändert. Die heutige Tiermedizin unterscheidet sich deutlich von der damaligen. Praxen und Kliniken haben intensiv in die technische Ausstattung sowie in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investiert, mit dem Ziel, den Tieren die bestmögliche medizinische Behandlung zukommen zu lassen.