Astrid Fritz und Jutta Weber-Bock stellen Romane in Murrhardt vor
Zwei historische Romane zwischen Dichtung und Wahrheit: Im Rahmen einer Lesung in der Murrhardter Bibliothek stellen die Autorinnen Astrid Fritz und Jutta Weber-Bock ihre neusten Werke vor – beide spielen im Elendsjahr 1816.

© Jörg Fiedler
Astrid Fritz (rechts) stellte in der Murrhardter Bibliothek ihren Roman „Der dunkle Himmel“ vor und Jutta Weber-Bock las aus ihrem Roman „Das Mündel des Hofmedicus“. Foto: Jörg Fiedler.
Von Carmen Warstat
Murrhardt. Es ist in diesen Tagen kaum vorstellbar, gerade nach diesem langen undheißen Sommer und in Zeiten des Klimawandels, der die Temperaturen immer weiter nach oben treibt: Einmal hat es ein „Jahr ohne Sommer“ gegeben, das Jahr 1816. Als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ ging es in Europa in die Geschichte ein. Schnee und Frost im Juli, verheerende Überschwemmungen und Ernteausfälle, Hungersnot und Seuchen brachte 1816 und Spätfolgen, die Jahrzehnte andauerten. Heute kennt man die Ursache: ein Vulkanausbruch in Indonesien im Vorjahr.
In dieser schweren Zeit sind die Handlungen der Romane von Astrid Fritz und Jutta Weber-Bock angesiedelt: „Der dunkle Himmel“ und „Das Mündel des Hofmedicus“, zwei ordentliche Wälzer, aus denen die Autorinnen in der Murrhardter Bibliothek vor einem kleinen Publikum lasen – die Veranstaltung ist eine Kooperation mit der Murrhardter Buchhandlung BücherABC. „Der dunkle Himmel“ beschreibt das Jahr ohne Sommer in drei Leben, die unentrinnbar miteinander verflochten sind. Ein junger Schulmeister namens Friedhelm, die starke Paulina und der kluge Pfarrer Unterseher versuchen, durch Tatkraft und puren Überlebenswillen dieses schlimme Jahr zu bewältigen. Entstanden ist „Der dunkle Himmel“ mitten in der Coronapandemie und der Autorin drängten sich, wie sie in ihrem Nachwort schreibt, „so manche Parallelen von damals zu heute auf“, darunter „die oftmals abstrusen Erklärungsversuche nach den Ursachen der Katastrophe, die Suche nach Schuldigen und Sündenböcken“, „die Hilflosigkeit der Regierenden“. Astrid Fritz gibt hier auch historische Randinformationen, die dem Verständnis des Romans ebenso dienlich sind wie ein Glossar mit Begriffserklärungen von „Abtritt“ (für Abort/Toilette) bis „Zwilch“ (für ein dichtes, reißfestes Gewebe). Den Romanschauplatz Hohenstetten bezeichnet sie als einen fiktiven Ort „auf der Rauen Alb“, der „für einen exemplarischen Mikrokosmos in Zeiten einer schweren Krise“ steht.
Der Roman erzählt eine Geschichte, die an Kaspar Hauser erinnert
Jutta Weber-Bocks „Mündel des Hofmedicus“ hingegen ist im städtischen Raum angesiedelt, wo man die Krise ganz anders erlebte. Dieser Roman erzählt eine Geschichte, die ein wenig an Kaspar Hauser erinnert: eine heimliche Geburt und ein „Erziehungsexperiment“, das die Frage aufwirft, wie ein Kind besser gedeiht – „durch Herzensbildung nach Pestalozzi oder durch Strenge und Zwang?“ Auch diesen Roman ergänzt ein wertvoller Anhang, unter anderem mit Rezepten und dem Nachwort „Dichtung und Wahrheit“. Die Autorin erzählt hier, wie sie bei Recherchen auf das Schicksal des Mädchens Christiane gestoßen ist. „Wahr ist, dass Elisabeth Hehl Christiane die ersten acht Lebensjahre von der Pfarrerfamilie Steinheil in Metzingen und Kirchberg hat erziehen lassen, sie das Kind dann aber plötzlich zu sich nach Stuttgart geholt und als Tochter ausgegeben hat. Die Schläge mit den Ruten sind ebenfalls bezeugt.“ Spannend, was Jutta Weber-Bock weiter herausfand. Bezüge zur Gegenwart faszinieren ebenso wie Weber-Bocks Liebe zum Detail, etwa zu den Spielkarten Herzsieben und Ecksteinsieben, zu denen sie hingebungsvoll recherchierte. Dennoch sagt sie: „Die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit ist und bleibt fließend.“
Romane „Der dunkle Himmel“ von Astrid Fritz, erschienen bei Rowohlt Taschenbuch, 576 Seiten, ISBN-10: 3499005921, 12 Euro; „Das Mündel des Hofmedicus“ von Jutta Weber-Bock, Gmeiner-Verlag, 448 Seiten, ISBN-10: 3839226953, 15 Euro.